Mensch und Erde

Mensch und Erde

Ein Dank an die Musik

Anmerkung:
Der Gedichtzyklus „Mensch und Erde“ entstand in den Sonnenwendtagen des Jahres 1943 in der Erschütterung über den 1. Bombengroßangriff auf Hamburg, dem einen Monat später die Katastrophen-nächte folgten, in denen große Stadtgebiete Hamburgs durch Bomben völlig zerstört wurden.


Die Erde

Der Herr sein sollte über Stein und Metall, über Pflanze und Tier,
er wurde ihr Sklave.
Und ihre Dämonen befreiten sich,
regieren ihn teuflisch und schlagen dich –
sie schlagen, vernichten, vergiften dich,
dich – unsere Erde!

Und du – du leidest und bäumst dich auf gegen die Mörder,
und niemand hilft dir?
In tiefem Jammer um dich entbrennt schaffende Liebe in uns
und entfacht den Kampf um den Geist.

Unsere Hände verwandeln dir formend dein Reich.
Unser Odem entlockt ihm klingendes Leben:
Des Horns heller Glanz beschwöret die Götter,
die als Einen-Leib dich schufen und uns.

Der Flöte Gebet erflehet Heilung vom Gott des Raums und der Zeit,
Und der Geige inbrünstige Klage wandelt endlich in Jubel sich.
Denn der schaffende Gott, auch er wirkt im Menschen!
Der schaffende Gott überwindet den Tod.

*

Der Sonne gewaltiger Sang

Der Sonne gewaltiger Sang durchwogt das Meer des Schweigens,
das unsere Seele im Weltschlaf umhüllt.
Von göttlicher Liebe getauft beginnen wir alle die Talfahrt zur Erde.

Und erwachen am Irdischen schaudernd zum Schicksal.
Und unsere Seele bangt sich im Dunkel, erstarrt in der Kälte
und vergisst, die verlassene, Sonnengesang.

Doch in wegloser Felsschlucht blüht ihr Erinnerung.
Hellt Dunkel, sprengt Felsen, und durchflutet mit Wärme
die bangende Seele.

Und wie Bienen aus Blütenduft Honig sich bilden,
so wandelt sie Härte und bange Verzweiflung
zum klangvollen Gleichnis liebender Lichtwelt,
die einst wir verlassen.
Und weist in Liedern den Sonnenpfad ihr, der verarmten,
und führet sie aufwärts, die gottgeborene, in ihre Heimat.

*

Der Tröster
(Beethoven)

Du nahmst mich singend bei der Hand.
Ich sah es wohl, du kamst von Ihm,
des Gnade dir die Lieder gab.
Ich wandte sehnend mich zurück
und sah von fern den Glanz.
Doch du nahmst fester meine Hand
und sprachst:
In dir ist Gott!
Und ich, voll Trost und Kraft durch dich –
ich will – ich kann – solang du bei mir bist.
Oh, halte helfend meine Hand!

*

Befreit
(Mozart)

Warst du dem Leibe schon entfloh’n, als du so sangst?
Gleichwie ein Schmetterling,
der sich der Erdenschwer’ entschwand
und aufstieg in ein Reich von Blüten –
entrangst so du dich, Freier, den Fesseln der Erdennot,
und schufst, befreit, im Licht, in Freude um, was vorher Qual?
Singst du jenseits der Schwelle?
Ein Auferstehender bist du!

*

Die Orgel

Eine Orgel im Dom,
und darüber ein Dach,
das mit jedem Ton
sich hebt und verschwebt
und entschwindet im All –
Und der Orgelklang
braust wie Wellensang,
braust wie das Meer –
nirgends Grenzen noch Wehr –
zu Gott allein
in den Himmel hinein.
Kennt nicht Sinnensang,
der das Blut betört.
Kennt nicht Leidenschaft,
die das Herz zerstört.
Singt Gott zur Ehr’,
will sonst nichts mehr.

*

Gesang

Das ist das Wunderbare an der Menschenseele,
dass sie nicht fertig ist wie Tier und Gras, Kristall und Stein,
die Gott vollendet schuf.
Daß wilder Schmerz und weites Glück
in ihrem Wundergarten Wandel wirkt!
Daß Lieder blühen, wo sonst Dorngestrüpp!
Und dass Gott eine Stimme gab,
die lebt wie Same, Blüte, Frucht – und, reif von Dank,
zum Himmel trägt den Schöpfungssang!

*

Aufbruch

Regen und Schnee durcheinander,
zertretener Matsch in den Gängen
des hässlichen Bahnhofs der Kleinstadt.
Blind die Fenster von Schmutz und von Nässe.
Verarmte, zersorgte Menschen,
dem Sinn ihres Lebens entrissen,
mit Koffern, Rucksack und Taschen,
notdürftig gebastelt aus Säcken.
Am Fahrkartenschalter,
geordnet zur Schlange
sucht jeder das mühsam Ersparte
Geld für die Reise.
Verlangt eine Karte.
Will irgendwohin,
benennt einen Ort.

Im Schmutz und der Kälte,
im Grau dieses Morgens,
in der Unruhe des Aufbruchs,
Gehorsam schuldend
des Schicksals dunklen Gesetzen
wie alle.

Doch übten bereits
wahren Verzicht wir?
Brachten wir Opfer
schmerzvoll, doch willig –
harte Bedingung innerer Wandlung?
Retteten unsere Seele so
aus dem Fegefeuer der Not?

Dir hüllt ein Engel sie ein.
Reinheit sehe ich ihn breiten
über dein liebes Gesicht
und Ruhe.
Ach mich streift sein Flügel:
Geheimnisvoll plötzlich
das Ziel, das ersehnte,
nie klar noch geschaute –
im Wege leuchtet es auf!
Still winkt es und freundlich
in Dunkel und Nässe uns zu sich her.

*

Zeitenwende

Und Gottes Engel schwang das Schwert
Und trieb uns fort von Heim und Herd.
Nicht einer, den er nicht vertrieben,
Nicht einer, der verschont geblieben –
Nicht einer, dem belassen ward
Die altgewohnte Denkungsart!
Wie Adam aus dem Paradies
Er einst in Erdennot verstieß,
So treibt er heut in Brand und Mord
Ihm fremd geword’ne Menschheit fort.
Doch da, wo neue Bruderschaft
In leeren Herzen rätselhaft
Aufkeimt und sprosst und grünt und blüht,
Wo Liebe ein verdorrt Gemüt
In fruchtbar’n Gottesgarten wandelt,
Erschaut er neues Paradies.
Da breitet an der Zeiten Wende
Der Engel segnend seine Hände.

*

Märchen

Einst und jetzt und immerdar –
Märchen bleiben
allzeit wahr.

Gute Fee
Und böse Fee,
Und Erdbeern wachsen
Unterm Schnee.

Einen langen Prüfungspfad
Märchen für uns alle hat.
Aber jenseits jener Berge
Wohnen dann die guten Zwerge.

Märchen weiß: Es geht gut aus!
Einmal kommen wir nach Haus.

*

In der ganzen Welt

Winter naht der Erde.
Seelen frieren ein.
Wer spricht da ein „Werde“!
Wer kann Wecker sein!

Winter aller Herzen,
Heimatlosennot.
Unermess’ne Schmerzen,
Liebe nicht – nicht Gott!

Sehr, die Lieb’ erkaltet
in der ganzen Welt!
Seht, das Böse waltet!
Hat sein Saat bestellt.

Schwester, laß uns beten,
laß uns wachsam sein!
Denn Dämonen treten
auch in Tempel ein.

Schwester, alle Herzen
brauchen Liebeskraft!
Laß uns lieben, Schwester,
Liebe Leben schafft.

Christus aller Erden,
Gottes Angesicht:
Es will Winter werden,
laß uns, Herr, dein Licht!