Jede Stunde – jede Sekunde

S.-J. Meyer-Abich mit Enkelkindern

Daß Du noch einmal zu mir kamst,
als Du der Ferne Ruf empfingst,
und meine Hand in Deine nahmst,
bevor Du in die Fremde gingst –

daß Du noch einmal lächeltest –
Dein vielgeliebter Mund –
und Frieden mir zufächeltest
in weher Abschiedsstund:

Das ist’s, was mir das Herz zerreißt
und was mich selig macht!
Das ist’s, was uns zusammenschweißt
in dieser Schicksalsnacht.

*

Als wir uns wiedersahen
nach banger Winternacht,
da lachten unsere Augen
wohl in die Frühlingspracht.

Da jauchzten unsre Herzen
wohl ob der Liebe Kraft,
der Sommer nicht und Winter
Vergeh’n und Ende schafft.

*
Jede Stunde und Sekunde…

Jede Stunde und Sekunde,
jeden einz’gen Augenblick,
den mein Herz mit Dir im Bunde
lebte, rufe ich zurück.

Und es fließen goldne Weiten,
goldne Ströme zu mir her,
und ich sehe all die breiten
Ströme münden in das Meer –

In das Meer der Gottesliebe,
das wohl ihre Heimat ist.
Und ich weiß nun, dass, was unser,
erst- und letztlich Gottes ist.

*

Jede Stunde und Sekunde…

Wenn ich Letztes je erreichte,
so verdankt’ ich’s Dir!
Alles Gute, Warme, Echte
wecktest Du in mir.
Und so wär ich’s nícht, der handelt:
Du, der mich in Liebe wandelt,
Deine unermess’ne Güte
wär’ es, welche jeder Blüte
Kraft verliehe, Frucht zu bilden.
Reicher Früchte gold’nem Segen
reift durch Dich mein Herz entgegen.

*

Und immer wieder muß ich so Dich lassen,
und immer wieder musst Du von mir geh’n.
Und immer wieder wandelst Du auf Straßen,
die meine Augen nicht mehr übersehn.
Und immer wieder kehrest Du zurück
Und bringst mit Dir mir mein unsäglich Glück.

*

Der unsichtbare Freund

Wiederbegegnung
Jüngst sah ich dich im Traum.
Nicht dich – doch deine Hand,
und deine Hand bist du.
Die gute, warme Hand, sie lag
auf neblig – weißem, undurchsichtigem Glas,
das wie ein großes Fenster vor uns stand.
Und schrieb – indes ich zitternd wartete,
was du für Botschaft brächtest
aus sicherm Land
in unsers Schicksals Undurchsichtigkeit –
mit rotem Blut, das mir entquoll:
„Du Seele, die ich wiederfand!“
Und tausendfach verströmte sich mein Blut –
Und tausendfach verstärkte sich mein Mut.

*

Das Erkennen

Oh – dies zu seh’n:
Du kommst daher, ein wegemüder Mann,
herausgeworfen aus der Lebensbahn,
von Gram gebeugt und leeren Angesichts –
als seist du selbst dir tot
und gäb es nichts,
dass solcher Not
erlösend möchte nah’n.

Und wie du dann, als sei ein Wunder dir gescheh’n,
das Antlitz hebst und innehälst im Geh’n
und nun – bin ich’s, die horchend du erblickst?
Wer hat dir tausend Jahre ferngerückt!
Fühlst du in mir ein längst geliebtes Wesen nah’n?
Ahnst du, dass wir in frühern Leben einst uns sah’n?
Erkennst du mich?

Du auferstehst in dir! Erkanntest neuen Lebensquell in mir!
Und gläubig, tief vertraut, versenkt sich Blick in Blick.
Und Schritt für Schritt weicht Tod und Leid zurück.

*

Der unsichtbare Freund

Du darfst mich nicht durch deinen Dank erschrecken!
Der Dank gebührt nicht mir.
Ich schenke, wie du selber schenkest,
ich denke, wie auch du gedenkest,
ich bin ja eins mit dir!

Laß uns dem unsichtbaren Freunde danken,
der uns in Schicksalsnacht Verirrte fand
und wieder zueinander führte und verband,
dass wir nun zuversichtlich, Hand in Hand,
des Lebens Wirren nochmals zu durchschreiten wagen.

*

Leben

Leben, Liebster, lässt sich nicht verdrängen,
läßt sich nicht in starre Formeln zwängen –
Leben spottet aller Engen!

Leben quillt in unerhörter Fülle
aus den Tiefen allen Weltenseins,
und allein ein demutvoller Wille,
Gottergeben, schon in Schmerzen stille,
hilft uns, dieses Stromes Wucht zu dämmen.

*

Noch einmal

Mir ist, als müsst ich alle Wege,
die ich mit dir gegangen bin,
noch einmal gehen.
Als würd’ ich dann bei jedem Schritte
den Himmel sehn!
Gestrüpp behindert nicht den Fuß,
kein Dickicht ich durchkämpfen muß.
Der Weg, er wäre wohl verschlungen,
doch ohne jede Niederungen,
ohn’ steile Wände, jähen Fall –
am Rande Blumen überall…
Er wäre folgerecht und klar!
Was einst unübersehbar war,
es läg’ im Licht,
ängstigt’ mich nicht.
Ich säh, daß Gnade dich und mich
geleitet und nicht von uns wich.

*

An der Schwelle

Nun sprich nicht mehr von diesen starren Dingen
die der Verstand ersann, und die der Tod
doch bald hinwegfegt wie der Wind den Sand!
Du weißt es nun: wir kommen wieder,
Was nicht vollendet, nimm’s hinüber!
Wir stehen an der Schwelle, sehen Ziele.
Der innern Pfade sind so viele!

*

Das Glück

Das Glück sieht immer anders aus:
Ein bunter Ball, nach dem du springst,
ein Lied der Liebe, das du singst.
Nun wie ein Kinderlächeln hold,
jetzt wie ein Haus, das du gewollt.
Wie Abendwolken golden-rot,
wie eine Rose, nah am Tod…
Und wandelt sich’s noch oft dem Blick,
wie immer auch – es war doch Glück!

*

Mota

Raschelndes Laub auf den Wegen,
und der Wind pfeift und singt in den Bäumen,
die silbern, mit feinem Geäst –
durchsichtig fast, ohne Blätter,
filigranfein gezeichnet,
gegen den Himmel stehn,
umspielt von Bläue und Licht,
himmelanragende Riesen.

Tannen und Fichten dagegen
und auch die heilige Mispeln
mit den roten, froh leuchtenden Beeren,
stehen erdnah und fest
in unvergänglichem Grün –
rauschen, sich wiegend im Sturm jetzt
wie der Fluß und das Meer.

Kastanien und Eichen,
Fichten, Tannen und Mispeln,
sie alle pflanzte ein Mensch!
Rodete, grub und bepflanzte
die brombeerdurchwucherte Insel im Fluß!
Planet und ordnet, schafft und gestaltet noch heute
und empfängt den Dank der Natur
im Werden und Wachsen,
in Schönheit,
in leuchtenden Blüten und Früchten.

Sinnend steht er und lauschet dem Bächlein,
das munter wie immer
seinen Weg bergab nimmt
zum Fluß, von Geheimnissen kündend,
vom Quell im Verborgenen,
von Tiefen der Erde,
wo Gott ist – so gut wie im Himmel.

Zwischen Himmel und Erde,
doch wohl gegründet in beidem,
baut er nun sich sein Haus,
Schöpfer er – nach dem Willen des Schöpfers.
Kinder spielen und jauchzen,
weinen und lachen
nah und fern –
unter den Bäumen, im Fluß…
bergen sich abends
müde im Haus.

Und die Sonne, der Mond und die Sterne,
der Fluß um die Insel, das Meer,
die Bäume, der Bach und die Blumen,
jetzt künden sie alle:
Der Riß zwischen Gott und der Welt,
so wird er geheilet:
wenn ein Mensch sich hingibt
dem Wunder der Wandlung.

*

Gipfel

Daß du den Gipfel überschritten –
Herz, das beklagst du ich?
Und weißt doch:
In des Jahres Mitten
neiget die Sonne sich!

Geh’ talwärts nun
und hüt’ im Wandern
der Gipfelwelten Glanz!
Wer hindert dich,
dabei die andern,
die innern,
zu erklimmen ganz?

*
Verjüngung

Du hast mit Blumen überschüttet
manch rundes, volles Erdenjahr
mein Leben, das so tief zerrüttet,
ja, todverfallen war.

Doch unter solcher Blütenlast
selbst Todgeweihtes atmet Leben!
Mein Kindsein will das Haupt erheben
und reckt sich jung – und geht schon fast!

*
Saatgut

Wenn das Harte wegschmilzt aus der Seele
Und sie weich wird wie ein Ackerland,
Über das der Frühlingswind hinstreichet,
es berührend mit der warmen Hand –
Naht ein Engel.
Bricht die Scholle um.
Hilft Gebete in die Furchen säen.
Und ob Winterstürme wehen,
tiefer Schnee dein Ackerland bedeckt,
der Gebete Kraft kann nie vergehen.
Sie winkt unaufhörlich:
Diese Saat geht auf.

*
Gebet

Nimm mich, o Vater, wie ich bin,
nimm mich in Gnaden an!
Denn zu Dir, Vater, floß auch hin,
was Übles ich getan.

Laß mich wie Brot und Wein nun sein,
mich bringen zum Altar!
Und ziehe Du, o Wandler, ein,
erfüll’ mich ganz und gar…

Erfülle mich und bleib’ in mir,
Dein Leib und Blut mein’ Seel’,
und tröste mich und stärke mich,
wenn ich von neuem fehl’!

*

Der Menschenbruder

Dir ist gegeben,
geliebtes Leben,
im Menschenbruder
sein Schönstes zu sehn.
Dir wird offenbar,
was gut in ihm, wahr!
Du findest ein Licht
auf finsterstem Feld,
ein Licht,
das auch uns dann
das Dunkel erhellt.