Hochdeutsche Gedichte

Die Malerin
(In memoriam Gertrud Wurmb)

„Der böse Bube brach den Zweig mir ab!
Den schlanken Zweig, der dort im Winde schwankte –
Den Zweig, dem ich das Leben dankte,
das bebend ich im Schaffen weitergab.

Das Leben – das wie Gottes Odem mich durchführ,
wenn immer nur der Wind den Zweig bewegte
und Schöpferkräfte mächtig mir erregte,
mich einbezog ins Atmen der Natur.

Du lieber Zweig –
Die Hand wie roh,
die dir zu nahen wagte!
Dein Leben floh,
und ich mein Zweig, ich klagte…

Sprichst du mit mir?
Ich spür’ dich nah.
Du lebst, du bebst, ich sah
Dich sanft im Winde weh’n.
Du fächelst Trost mir in das Herz?
Mein Engel, sprichst du, tat mir diesen Schmerz?
Mein Engel, Zweig? Wie soll ich das versteh’n!
O Zweig – nun mal ich dich, wie es noch nie gescheh’n!
O Zweig – nun lebt dein Schönstes fort!
Ach – Gottes Winde wehen hier wie dort…“

*

Die Vase

Eine Vase an der Wand
von Mariens lieber Hand!
Und darin ein Haselzweig,
Blütenkätzchen, lieblich, weich.
Schon entrieselt heimlich sacht
sanfter Staub der lieben Pracht.

Unaufhaltsam rinnt er aus
seinem Kätzchenschloß heraus.
Und das steht bald kahl und leer?
Drinnen wohnt dann keiner mehr?

Spricht das Väslein an der Wand –
tröstet, wie Mariens Hand:
„In dem Glück von heut’ und morgen
liegt die Träne schon verborgen.

Bring mir dennoch deine Blüten,
laß gemeinsam sie und hüten!
Denn ich selber – unverwandt
bleib dir, wie Mariens Hand.“

*

Freude

Ich lebe mit strahlender Freude
und jauchze dir Hymnen, Natur!
In deinem lichtschimmernden Kleide
bist du meiner Augenweide.
Ach, hätt ich mehr Augen nur!

Und hätt ich auch Augen zu schauen,
zu spüren das himmlische Licht,
dass aus unendlichen Fernen,
durch eilend ein Meer von Sternen,
in unzähligen Farben sich bricht!

Du Licht der verborgenen Sonne,
wie innig ersehne ich dich!
Du webest im Tier, in der Blume,
durchwärmest die Ackerkrume,
und leuchtest im Menschengesicht.

Dass sich erfüll’ meine Freude:
Komm zu mir, göttliches Licht!
Gib, dass ich sehend werde,
laß sehn mich die Pracht unsrer Erde
in deinem Weltenlicht!

*

In den Bergen

Ich bin weit weg in den Bergen,
da denk ich an Hildegard.
Wo find ich denn nur ein Bildchen
fürs Kind – eine Ansichtskart’?

Ach – keiner will eine verkaufen,
wie sind die Zeiten doch schlecht!
Von Lädchen zu Lädchen zu laufen,
das ist, um die Haare zu raufen,
und damit kommt auch nichts zurecht.

Ich habe dem Kind doch versprochen,
es solle die Berge sehn!
Die Berge, die tausend Jahre
und wohl noch länger stehn.

Was in der Welt auch passierte,
die Berge focht es nicht an.
Sie tragen die Wälder und Reben,
wie sie schon immer getan.

Mein Kind – wenn ich heimkomm, erzähl ich
von Bergen dir und vom Wein!
Das wird noch tausendmal schöner
als Ansichtspostkarten sein.


S.J.Meyer-Abich mit Enkel

Siever Johanna Meyer Abich mit Enkelkindern

Privatfoto von
Herrn Prof. Dr. Michael Meyer-Abich


Wenn einer Helmut heißt

Wenn dich mal ein Beinchen schmerzt
Oder sonst was außenwärts,
Sei am Finger, sei am Zehchen,
Nase, Zunge, Ohr Wehwehchen,
Kneift dich mal auf seine Weise
Drin der Bauch, bald laut, bald leise:
Helmut, zeig’ die Zähne dann!
Helmut, werde du ein Mann!
Denk: ich heiße Heller – Mut,
Und sogleich wird alles gut!

*

Kind und Mutter

Ich bin nicht in der Fremde,
ich höre, wie du singst.
Ein kalter Blick, ein hartes Wort,
das wäre Fremde hier wie dort –
ich hör dein stilles Lied.

Ich bin nicht in der Fremde,
ich sehe dein Gesicht.
Was in der Welt ich finde,
dir sei’s ein Angebinde –
ein Blümchen, ein Gedicht…

Ich bin nicht in der Fremde,
ich fühle deine Hand.
Und müsst ich scheiden tausendmal,
Erinnerung nähm mir die Qual
des Lebens in der Fremde.

*

Wenn du noch leidest

Wenn du noch leidest, ist dein Herz nicht tot.
Dies Herz, das hundertmal gestorben, lebt!
Es lebt!
Was willst du mehr!
Nur krank ist es… jedoch – wie krank!
Ich halte sorgend es in meiner Hand
und wärme es.
Allein gelassen, friert ein krankes Herz sich tot.
Doch in der warmen Hülle der Freundschaft
da ruht und ruht es…
Geborgen, zeitlos, lernt wieder träumen
von Welten,
die hell sind, verlässlich und rein.
Und findet einmal den Glauben wieder
an seine Heimat,
die ja nur wartet auf uns!

*

Heimkehr

Wie du mich umfängst, Heimatwind!
Ach, ich wußt’ es längst:
Bin dein Kind!

Wie du wissend sprichst:
„Ruh’ dich aus…
Nein – ich frage nicht. Bist zu Haus.“

*

Wußt’ nicht, dass ich müde war –
dass ich ohne Ruh’
durch die Fremde Jahr um Jahr
lief der Heimat zu.

Müde, müde schleppt’ ich mich dort ins Dünental.
In das graue Gras versank ungewusste Qual.

Schlafe – raunt das graue Gras.
Schlafe – rauscht das Meer.
Heimat bettet mich zur Ruh’,
und der Himmel deckt mich zu.

Kehr ich wandermüde wieder heim zu dir,
trägt mich deine Erde, Heimat, hin zu mir.

Deine Winde öffnen die verborg’ne Tür.
Und ich fühls: nun bin ich wieder ganz in mir.

*

Verspätet blühen Veilchen am Wiesenhang.
Wo bist du, kleine Lerche, die einst hier sang?

Und Kuckucksruf ist auch verhallt?
Kein Vogel singt im Erlenwald?

Doch Vogelbeeren glühen goldrot am Strauch!
Vom Sanddorn grüßen Trauben rotgolden auch –

Und sieh: sie will erst blühen, Blau-Distel dort!
Natur schafft ohne Mühen in einem fort.

*

Heimkehr

Ohne dass ich bitte, nimmst mich weich und warm,
graue-grüne Düne, mütterlich in Arm.

Veilchenauge blickt mich still und freundlich an.
Mein Gesicht ein Hälmchen streichelt dann und wann.

Pirola im Blätterkranz
übt, versteckt in Weiden,
insgeheim den Elfentanz –
wie in alten Zeiten.

In der Ferne rauscht das Meer dumpf, eintönig, tief.
Zeiten schwinden – ist es nicht, als ob Mutter rief?

*

Die Mutter

Ich träume jede Nacht von meinen kleinen Kindern
und wie sie süß und zärtlich waren
zu mir – in jenen lieben, längst vergangnen Jahren
und sich so eifrig-ernst bedachten,
womit sie ihrer Mutter Freude machten!
Ob diese Kinder damals weinten oder lachten –
ich war es, der sie Schmerz und Glück darbrachten,
ich – die nun träumt, ob wohl ein einzig’s Kind
nochmals den Weg zu seiner Mutter find’.

*

Alte Mutter

Wie sich ein Blatt vom Baume löst,
so löst ihr euch von mir.
Es schwebt in milder Herbstesluft
das Blatt mit seinem süßen Duft….

Und kahl steht nun der Lebensbaum.
Sein weitverzweigt Geäst
umspielt im blauen Himmelsraum
ein selig – warmer Sommertraum
bei diesem Abschiedsfest.

*

Meine großen Kinder

Ich habe durch so manches Jahr
mein eigen Schicksal kaum bedacht.
Ich habe viel für euch gewacht –
ob euch g’nug Liebes widerfahr.

Nun geht ihr fort. Ich bleib allein.
Wer ist’s, der spricht: „Dein Ich ist dein!
Such Ewiges im Erdenkleid.
Bleib wach und lieb’ und – sei bereit!“