Störtebeker und andere Seeräuber

Piraterie im Mittelalter – Klaus Störtebeker und andere Seeräuber

Was weiß man über Störtebeker? Dass er Ketten zerreißen konnte und trinkgewaltig war! Die Legende, dass er – schon ‚kopflos’ – an seinen Kumpanen entlang gelaufen ist, bis der Henker ihm den Richtklotz vor die Füße warf. Und was noch?

Störtebeker, der 1401 in Hamburg auf dem Grasbrook mit vielen seiner Gesellen hingerichtet worden sein soll, prägt bis heute das Bild der Likedeeler, obwohl er nicht der eigentliche Kopf gewesen ist, das war Gödeke Michels.

1384 – In einem Vertrag der Hansa mit Heinrich IV. von England werden Gödeke Michael und Störtebeker erstmalig als Freibeuter genannt, da sie englische Schiffe gekapert haben. (Vergl. R. Haklvyt, The Principal Navigations of the Englisch Nation, London 1598)

Ende 1394 erscheinen Freibeuter in einer englischen Klageakte: „Item in the yure 1394 Goddekin Mighel, Clays Scheld, Storbikker (ohne Vornamen!) and others took out of a ship of Elbing.“ D.h. im Jahr 1394 kaperten Gödeke Michels, Klaus Scheld, Störtebeker und andere ein Schiff aus Elbing.

Bis 1399 hören wir in der engl. Klageakte von Michels und Störtebeker.

Gehörten sie zu jenen Vitalienbrüdern, die nach dem Friedensschluss von Falster und Skanör 1395 auf eigene Rechnung fahren oder waren es Freibeuter anderer Couleur? Waren es friesische Likedeeler? Letzteres ist wahrscheinlich, da die Klagen aus England bis in das Jahr 1384 zurückreichen und nicht erst 11 Jahre später beginnen, nachdem der Friede von Falster und Skanör geschlossen worden ist.

Nachweisbar ist zwischen den Jahren 1395 und 1398, dass geraubte Waren angeboten wurden und zwar kamen 35 Piraten mit einer Barke (und einem Schiff auf der Reede) in die Wesermündung von Blexen in Butjadingen mit 22 Last Weizen und 12 Last Fisch. Ob es sich bei diesen Piraten tatsächlich um Vitalienbrüder gehandelt hat, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Es gab ja auch noch andere Freibeuter.

  • 1395 nimmt der Häuptling Edo Wiemken von Rüstringen Störtebeker und Gödeke Michel in seinem Hafen von Schaar auf.
[Wilhelmshaven-Stadtteil Schaar; der Platz, auf dem die Aldeburg (alte Burg nach dem Neubau der Eden- oder Sibetsburg) ehedem stand, ist heute der Friedhof Aldenburg]
  • Für 1396 ist nachweisbar, dass Piraten Aufnahme bei Konrad Graf von Oldenburg suchten und abgewiesen wurden. Mehr Glück hatten sie im Brookmerland bei Widzelt Kenisna und den Häuptlingen im Emsigerland.
  • Schon 1396 haben die Hansestädte den ostfriesischen Häuptlingen gedroht, falls sie die Piraten aufnehmen würden. Sie nannten es einen ‚Frevel gegen die Obrigkeit‘! Die Hansen empfahlen den Häuptlingen, die Raubgesellen aus dem Land zu jagen, Häfen und Burgen zu verschließen, die Anführer zu ergreifen und vom Leben zum Tode zu verholen. Bei Zuwiderhandlung drohten die Hansestädte, ‚mit Gottes Beistand‘ gegen die Missetäter und ihre Heger zu ziehen und allem ein endgültig Ende zu setzen. Diese Arroganz muss die Häuptlinge bis auf Blut gereizt haben. Logisch, dass sie sich nicht nach der ‚Empfehlung’ richteten. Als Fürsten behandelte man sie, wenn es darum ging Privilegien herauszuholen, als Fürsten behandelte man sie, indem man ihnen den Zugang zur Hansa verwehrte und in diesem Sendschreiben behandelte man sie wie Lakaien der Hansa. Woher nahmen die Hansen das Recht, einem friesischen Häuptling Befehle zu erteilen?
  • Erst rissen sie den frs. Handel an sich und nun nannten sie sich frech ‚Obrigkeit‘! Die Häuptlinge sollten Demut üben zu ‚eig’nem Nutz und Frommen!’ Demut sollten sie üben gegenüber den Hansen! Ihre Anmaßung war unerträglich! Schon gar für friesische Häuptlinge. Ging es um Geschäfte, waren die Häuptlinge Fürsten und sollten Privilegien erteilen. Andererseits wollten sie ihnen in praxi vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen hätten! Sie ‚empfahlen‘ ihnen, Blutgericht zu üben über die Likedeeler! Die Häuptlinge sollten den Hansen Henkersdienste leisten, damit diese sich die Hände nicht beschmutzen mussten! Sie erdreisten sich, über die Häuptlinge richten zu wollen, wenn sie Likedeeler aufnahmen! Sollten die Häuptlinge sich derartigen Beleidigungen beugen? – Zu Anfang jedenfalls nicht.
  • 1396 räumt Widzelt Kenisna tom Brok den Likedeelern Hafen und Turm des Doms St. Marien in Marienhafe als Stützpunkt ein. Es scheint fast, als wäre diese Maßnahme von Widzelt Kenisna Ausdruck von Widerstand gegen die Hansa gewesen.

Hier ist Folgendes zu bedenken, was es höchst unwahrscheinlich macht, dass diese Piraten aus Mecklenburg kamen, wie immer behauptet wird:

  • Jeder Segler weiß, dass es schwierig ist, in unbekannten Gewässern zu segeln. Dies trifft um so mehr auf das Mittelalter zu, zumal die damaligen Schiffe (Kogge und Hulk) nur schwer zu manövrieren waren, nur bei günstigem Wind kreuzen konnten, man kaum Seezeichen hatte – mit Ausnahme von Pricken, die die Wasserläufe notdürftig markierten und auch schnell umgesetzt werden konnten (zur Irreführung). Durch heftige Sturmfluten war die Küste mehr als heute sehr starken Veränderungen, Abweichungen und Umgestaltungen, unterworfen. Sandbänke, Inseln, Priele, Watt und Gezeiten erschwerten die Navigation. Diese Probleme gibt es u.a. nur in der Nordsee. Die Ostsee ist ungleich berechenbarer zu befahren. Ein Kapitän der Ostsee konnte nicht ohne Weiteres die Nordsee (damals „Westersee“ genannt) befahren. Noch heute brauchen wir hin und wieder Lotsen für spezielle Aufgaben.
    Es ist daher kaum anzunehmen, dass Piraten der Ostsee problemlos in die Nordsee wanderten, wie das häufig in der Literatur dargestellt wird. Mit diesen schwierigen Schifffahrtsbedingungen konnten nur Friesen klar kommen, die das seit Jahrhunderten taten. Nicht ohne Grund hieß die Nordsee einst „Friesensee“.
  • Drum: Vitalienbrüder und Likedeeler sind als „Brüderschaft“ streng zu trennen, auch wenn gegebenenfalls Vitalier bei den Likedeelern Aufnahme gefunden haben. Das unterstützt die Ansicht, dass der Störtebeker von Wismar nicht jener Johann Störtebeker gewesen ist, der den Kaperbrief von Herzog Albrecht bekommen hat.
  • Außerdem ist anzumerken, dass der Name „Claus Störtebeker“ erst aufgetaucht ist, nachdem im 17. Jh. ein Autor einen Roman über Störtebeker geschrieben hat.
  • Friesen sind ehrlich und treu, stolz, eigensinnig und nachtragend schreibt die Dichterin Siever-Johanna Meyer-Abich in ihrem Roman „Foelke Kampana“! Trifft das zu? Ich denke schon, da S.-J. Meyer-Abich eine Friesin gewesen ist, wird sie es zweifellos gewusst haben.
  • Geht man davon aus, dann hätten die Friesen es nicht geduldet, dass wildfremde Leute aus Mecklenburg in ihrem Land eine führende Rolle spielen, schon gar nicht vogelfreie Piraten, die ihnen unangenehmerweise die Obrigkeit auf den Hals hetzen. Somit hätten die friesischen Häuptlinge zu Störtebekers Zeit niemals Fremde von irgendwoher in ihr Land gelassen und ihnen überdies auch noch erlaubt, sich häuslich einzunisten. Auch nicht aus Geldgier, wie häufig behauptet wird. Geld war nützlich und stützte die Macht, aber deswegen Fremde hoffieren? Mitnichten! Zurzeit von Keno tom Brok (nach 1399) und danach ergab es sich allerdings, dass die Piraten den Häuptlingen bei ihren Kriegshandlungen Waffenhilfe leisteten. Für etliche Häuptlinge wurde das zu einem ausschlaggebenden Grund, Likedeeler aufzunehmen.

Wo aber könnten die Likedeeler hergekommen sein?

  • Man sehe sich die Geschichte der holländischen Grafschaft näher an. Es gab viele Adelige, die Herzog Albrecht von Bayern, Graf von Holland, Hennegau, Seeland und Herr von Friesland, schwer geschädigt und gestraft hatte. Dies geschah im Zusammenhang mit der Ermordung von Albrechts Geliebten Aleida Poelgest und seines Haushofmeisters Willem Cuser. Zum Beispiel hat Herzog Albrecht in diesem Zusammenhang den Hafenort Delft dem Erdboden gleich machen lassen. Auch viele Adelige und einflussreiche Menschen verloren dadurch nicht nur Haus und Hof, sondern auch ihr Leben, sie wurden vertrieben, verfolgt, zu Vogelfreien erklärt und ermordet. Im Besonderen traf dies die Partei der Hooks, die sich Willem, dem Sohne von Herzog Albrecht angeschlossen hatte, der seinen Vater vehement bekämpfte und vor seiner Rache sogar zu Verwandten nach England fliehen musste. Nicht zuletzt ausgelöst durch die Vorgänge um die Ermordung von Aleida Poelgest herrschte Krieg zwischen Cods (=Kabeljauen – der Name kommt von der grau-blauen Uniform) und Hooks (der bürgerlichen und der adeligen Partei).
  • Herzog Albrecht ist ein Machtmensch gewesen, der seine Absichten durchdrückte – auch mit Gewalt. Er war einer der mächtigsten Fürsten in Europa. Sein Schwiegersohn war Kaiser Wenzel von Böhmen, sein Vater war Kaiser Ludwig der Bayer gewesen.
  • Albrechts Ziel war es, die Friesen endlich zu unterwerfen. Die Niederwerfung der Stadt Delft und die Verfolgung der „Hooks“ (Adel) brachten ihn diesem Ziel ein gutes Stück näher, denn der Adel sollte entmachtet werden. In Albrechts Grafschaft Holland Hennegau und Seeland herrschte viele Jahre lang Bürgerkrieg, indem sich die Parteien der „Hooks“ und der „Cods“ (grafentreue Anhänger) bekämpften und gegenseitig aufrieben.
  • Die Stadt Groningen unterstützte die Freiheitsbestrebungen der Friesen. Damit war die Hansestadt Groningen besonders ins Visier des Herzogs geraten. Unerlässlich war es für Albrecht, Groningen zu unterwerfen. Dort wiederum herrschte Krieg zwischen den Zisterziensern (Schieringer) und Prämonstratensern (Vetkoper). Letztere wollten den Grafen anerkennen, während die Schieringer für die Freiheit Groningens eintraten. Zu ihnen gehörte der mächtige Häuptling Folkmar Allena, der riesige Alloden jenseits der Ems besaß und als Heerführer für die Stadt Groningen tätig war. Folkmar Allena war nicht der einzige, der sich und sein Eigentum durch den Grafen bedroht sah und für die Freiheit der Stadt Groningen kämpfte.
  • Aus diesen politischen Gegebenheiten wird ersichtlich, dass es viele Menschen gab, die Grund hatten, die friesischen Freiheitsbestrebungen zu unterstützen. Die Verteidigung gegen die Eroberungsmaßnahmen des Grafen verschlang Unsummen, die ja irgendwoher kommen mussten. Als Vorbild zur Geldbeschaffung dienten daher evtl. die Vitalienbrüder der Ostsee. Auch sie waren ja entstanden, um bestimmte politische Schritte durchzusetzen. Die Politik des Grafen bildete somit den Nährboden für Rebellen und eben auch Piraterie!
  • Die Likedeeler stammten also unter anderem mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem benachbarten Groningen und es gab verwandtschaftliche Beziehungen nach Groningen Stadt und ins Groningerland – wie ich anhand der Groninger Chronik und dem Groninger Urkundebuch nachweisen kann. Wir finden dort die Namen von Bürgermeistern wie Gödecke Wessels, Everhardo Wickboldi, Winando Papinghe (= Papinga – der Schwager von Edo Wiemken war ein Papinga), Arnold Blote aus Groningen (ein Blote wurde hingerichtet im Zusammenhang mit dem Tod von Aleida Poelgeest, der Geliebten von Herzog Albrecht von Bayern Graf von Holland.), Lubbert Sicking, Wicbold Maurissinghe, Sibrandi (der Häuptling von Loquard im Emsgau hieß Sibrand) und auch ein „de Broke“ oder „de Broc Johannes Kenama“ ist dort 1323 verzeichnet pp.
  • 1398 bekriegt Albrecht Graf von Holland von neuem die Friesen. Oster- und Westergo müssen dem Herzog huldigen und nur der Nordosten behauptet seine Unabhängigkeit. Hier hatte vor allen Dingen Groningen die Friesen unterstützt.
  • Widzelt tom Brok erklärt sich dem Herzog Albrecht und der Hansa gegenüber bereit, künftig keine Seeräuber mehr in den tom brook‘schen Landen zu dulden, falls er ihm Verzeihung verspreche (d.h. der Lehnvertrag besteht weiterhin). Das geschah offenbar, denn Widzelt gewann (oder zwang?) Folkmar Allena, Aftervasall zu werden, d.h. Folkmar Allena wurde Widzelts Vasall.
  • Von 1398 datiert der Lehnvertrag zwischen Herzog Albrecht von Bayern, Graf von Holland, und Widzelt sowie Folkmar Allena.
  • Die Herrschaftsstruktur in Ostfriesland begünstigte die Aufnahme der Likedeeler. Dies auch, weil die mächtigsten Häuptlinge – Widzelt und Folkmar Allena – als Vasallen dem Herzog Albrecht von Bayern[1], Graf von Holland, Heeresfolge leisten mussten, d.h. Leute unter Waffen halten mussten. Widzelt und Folkmar Allena und mit ihnen jene Häuptlinge, die diesen untertan waren, hatten explizit den Auftrag (1398) von Herzog Albrecht von Bayern – Graf von Holland, die Unterwerfung von Groningen zu bewirken. Für diesen Fall gestattete der Herzog ihnen, ihm Rat bei der Besetzung der dortigen Obrigkeit zu erteilen.
  • Hisko Abdena (Drost und Probst vom Emden, Statthalter des Bischofs von Münster) nahm u. a. Likedeeler auf, weil er sich zu Recht durch den Lehnvertrag von Widzelt und Folkmar Allena mit dem Herzog von Bayern bedroht fühlte, da er mit den Groninger Schieringern im Bunde stand, die gegen Herzog Albrecht kämpften. Mit seiner eigenen Hausmacht konnte Hisko Abdena das militärische Potential nicht ausgleichen.
  • Überdies spielte der frs. Freiheitskampf gegen den Bischof von Utrecht und den Grafen von Holland damit hinein sowie die Kämpfe zwischen Vetkopern und Schieringern (Prämonstratenser und Zisterzienser). –
  • Die kostenneutralste Lösung war es (auf beiden Seiten), sich der Likedeeler als Selbstversorger zu bedienen. Sie waren unabhängig, griffbereit, kampferprobt und billiger als Söldner. Die friesischen Häuptlinge boten als Gegenleistung sicheren Unterschlupf und Absatzmärkte für die geraubten Waren.
  • Der Nutzen für Widzelt aus seiner Verbindung mit dem Herzog bestand darin, dass der Herzog zwischen Hansa und Widzelt tom Brok vermittelte. Man bestimmte eine Tagfahrt auf den 1. Mai 1399, die aber wegen Verhinderung der Städte auf den 25. Juli 1399 verschoben wurde, wo der Herzog als Schiedsrichter die streitigen Punkte entscheiden sollte.

Es kam aber nicht dazu:

  • Im April 1399 erobert Widzelt das befestigte Kloster Thedinga. Widzelt und seine Mannen werden in der Kirche zu Detern durch Heerscharen des Erzbischofs von Bremen und der Bischöfe von Münster und Minden belagert. Die Kirche zu Detern wird niedergebrannt, Widzelt kommt darin um.
[Die Überlieferung besagt, daß Widzelt aufgrund eines Komplotts in der brennenden Kirche von Detern umgekommen ist, wobei Foelke tom Brok dahinterstecken sollte, die ihren Sohn Keno an die Macht bringen wollte. Mit 15 Jahren konnte Junker Keno die Herrschaft selbst übernehmen. Keno war noch keine 12 Jahre (Mündigkeitsalter) alt, als sein Vater, Ritter Ocko, 1389 ermordet wurde. Wann Keno tatsächlich geboren wurde, ist nicht zu ermitteln. Träfe die Vermutung zu, dann wäre Keno zu der Zeit 15 Jahre alt gewesen. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass Foelke Widzelt beiseite räumen ließ, da er das Erblehen an sich gezogen und damit Keno ausgebootet (aus der Erbfolge eliminiert) hatte.

  • Durch Widzelts Tod wurden die strittigen Punkte nicht mehr geklärt, zumal die Hansa es vorzog, die Ostsee von Seeräubern zu reinigen.Auf dem Hansetag in Nykjöbing, der im Sept. 1399 abgehalten wurde, beschloss man, an die Heger der Piraten, so an Keno, Briefe mit der Aufforderung zu schreiben, die Seeräuber nicht mehr in ihren Landen zu dulden.
  • Keno II. tom Brok wird Widzelts Nachfolger. Mit Widzelts Tod ist der Lehnvertrag mit Herzog Albrecht aufgehoben.

Keno kommt dem Verlangen der Hanse nach, die Seeräuber nicht mehr in seinen Landen zu dulden.

Als die Ratssendboten auf einem anderen Hansetag zu Lübeck am 2. Februar 1400 über Maßregeln berieten, die man gegen die Seeräuber und ihren Beschützer Keno ergreifen wollte, erschien Almer, Kenos Kaplan, und erklärte im Namen seines Herrn, daß dieser bereit sei, die Vitalienbrüder zu entlassen, falls man ihm verzeihe. In der Tat sah man Mitte März in den brook‘schen Landen keinen Seeräuber mehr.

Aufnahme finden die Vertriebenen bei Hisko Abdena von Emden, Kenos Erzfeind, der durch sie seine Macht stärkt. Dadurch gerät Keno in arge Klemme. Aus Furcht vor der Hansa hat er seinen Gegner gestärkt, der jeden Tag in das benachbarte Brookmerland einbrechen kann. Kein Wunder, dass man bald den Hamburgern meldet, Keno sei entschlossen, erneut Seeräuber aufzunehmen, um an seiner Macht keine Einbuße zu erleiden.

  • Keno II. tom Brok schließt mit Albrecht von Holland (Herr von Friesland) einen neuen Lehnvertrag, steht also unter dem Schutz des Herzogs. Insofern darf Keno tom Brok – als Vasall des Herzogs – nicht ohne Billigung des Herzogs Seeräuber dingen.
  • Die Hansa betrachtet die Likedeeler als Friedensbrecher, die sie in Selbstjustiz verfolgen und aburteilen darf. Jetzt rüsten Hamburg und Lübeck eilig Schiffe aus, um das Unwesen auszumerzen.
  • 1400 ist die Kirche von Holtgaste als Stützpunkt der Piraten genannt
  • Keno hat bereits Likedeeler an sich gezogen.
  • Am April 1400 verlässt die hansische Flotte Hamburg in Richtung Ostfriesland.
  • 5.1400: 11 Koggen (950 Mann) greifen die Likedeeler in der Osterems an.
  • 80 Mann der Likedeeler werden getötet, während die übrigen fliehen können.
  • 4 Piratenschiffe entkommen nach Marienhafe/Upgant.
  • Ist gerade ablaufend Wasser als die Freedekoggen angreifen? Es wird berichtet, dass Piratenschiffe auf Sandbänke auflaufen. Wie das? Die Piraten wussten, wo Untiefen drohten. Dennoch läuft ein Teil auf Sandbänke auf. Absichtlich? Wollten sie die Freedekoggen veranlassen, ihnen zu folgen, um dann bei Ebbe übers Watt anzugreifen? Oder wollten sie die hansischen Freedekoggen so auf Abstand halten, die wegen größeren Tiefgangs früher aufsaßen? – Es ist kaum denkbar, dass die Freedekoggen nicht mit schweren Geschützen bestückt waren. Und waren es keine Arkeleien, dann doch zumindest Katapulte. Allein Wurfsteine und metallene Rammsporne bringen unglaublich viel Gewicht. – Spekulierte man darauf, dass bei einsetzender Flut die Kaperschiffe rascher aufschwimmen und davonsegeln konnten, während die schwer beladenen, behäbigen Freedekoggen später freikommen würden? Den Tiefgang konnten die erfahrenen Piraten leicht abschätzen. Hoffte man, die Freedekoggen würden abdrehen? Die böse Überraschung für die Likedeeler war, dass ein Drittel der hansischen Besatzung aus Armbrustschützen bestand. Da nützte der relativ geringe Abstand nichts mehr. Dadurch waren sie den Likedeelern, die auf Nahkampf spezialisiert waren, enorm überlegen.
  • Wie die Hansen mit den „seroveren“ verfuhren, zeigt der Bericht der hansischen Schiffskommandanten:

„Am 22. April segelten wir von Hamburg ab und kamen am 5. Mai in die Westerems. Am selben Tag vernahmen wir, dass Vitalienbrüder in der Osterems waren. Dorthin schickten wir unsere Freunde, und es half uns Gott, als wir einen Teil von ihnen schnell in unsere Gewalt brachten. Achtzig von ihnen wurden getötet und über Bord geworfen. Die anderen flohen ans Land. Dann jagten unsere Freunde 18 Vitalienbrüder bis zu einem Schloss eines Friesen, der hieß Hare in de Grete (Anm.: Haro Edzardsna von Greetsiel, der Sohn von Edzard Circsena und Doda geb. tom Brok, also Kenos Vetter). Mit dem verhandelten wir, bis er sie uns überantwortete. Außerdem übergab uns ein anderer Friese vier Vitalienbrüder, danach fielen uns noch drei in die Hände. Diese 25 wurden am 11. Mai gerichtet. Am 18. Mai wurden neun Vitalienbrüder gerichtet, danach zwei.“ (Anm.: unter den Enthaupteten war auch Kurt, der Basstardsohn des Grafen von Oldenburg)

  • Am 5.1400, einen Tag später erst, landen die Hanseschiffe in Emden an, wo die Hanseaten von dem Probst Hisko aufs Freundlichste empfangen werden. Er stellt ihnen Schloss und Stadt zur Verfügung und erklärt sich bereit, jegliche Hilfe, die man von ihm verlangen werde, sofort zu leisten. Durch dieses Entgegenkommen gewinnt er die Schiffshauptleute für sich, so dass diese hier alles in Ordnung glauben. Hisko hatte zwar Piraten an sich gezogen, weswegen Keno II dies im Gegenzug auch tat, diese sind aber nicht in Emden zu der Zeit. (Hiskos Piraten waren vermutlich gerade auf Kaperfahrt.) Hisko Abdena ist nur zeitweise piratenfreundlich gesinnt. Zu jener Zeit geht es aber um seinen Kopf, weil er selbst Piraten aufgenommen hat und blitzschnell dreht er sein Mäntelchen nach dem Wind.
  • Larrelt (nahe Emden) fällt rasch in hansische Hände. – Enno Haytadisna[2] muss der Hanse seine Burg Larrelt übereignen.
  • Ebenso fällt Faldern (in unmittelbarer Nähe von Emden) rasch in hansische Hände. Haro von Groß-Faldern (Ehemann von Elbrig tom Brok, Ritter Ockos Schwester) muss die Burg Faldern der Hanse ausliefern. Larrelt und Faldern werden dem Probst Hisko Abdena von Emden anvertraut! Welch ein Fehlgriff der Hansischen! Das zeigt deutlich, dass die Hansischen die politischen Verhältnisse verkennen oder ignorieren.
  • Unterdessen sind die Likedeeler auf der Flucht. Wohin?
  • Im Osten grenzt Loppersum an das ‚Große Meer‘. Von dort aus (Folkmar Allenas Besitz) kann Störtebeker nicht mit einem großen Schiff fliehen, denn das Tief verbindet damals Loppersum mit Emden, die Hansen können die Zufahrt nach Emden sperren; Osterhusen ist durch die Nahe mit der Ems verbunden und ebenfalls leicht zu kontrollieren durch die Hanse!
  • Wenn Störtebeker zu Enno Circsena nach Larrelt geflohen ist, wie es heißt, dann führte sein Weg sicher von dort aus weiter nach Loquard. Die Ems floss hart an Larrelt Hätte Störtebeker von Larrelt aus über die Ems fliehen wollen, so wäre dies vermutlich an der Ems-Überwachung der Hansa gescheitert. Die Hansischen werden ebenfalls die großen Einfahrten (Buchten) gesperrt haben.
  • Das Larrelter Siel aber mündete mit dem Loquarder Maar ins Twixlumer Tief (Maare gibt es von Rysum bis Groothusen und Woquard. Sie laufen bei den Camper Tillen und Doodshörn trichterförmig zusammen und haben von hier aus einen Abfluss durch das sog. Reittief bzw. die „Alte Ehe“ zum Larrelter Siel gehabt). Diese Wasserverbindungen kommen unter Umständen als Fluchtweg für die Likedeeler infrage (zu berücksichtigen sind Tideabhängigkeit, günstiger Wind und Tiefgang der Schiffe und die damalige Dollartausdehnung).
  • Erst am Juni 1400 gelingt es den Hamburgern, das entlegene Loquard zu erobern und die Burg zu zerstören. Da ist Gödeke Michels mit 200 Mann längst außer Reichweite! Hier bestand also die Möglichkeit, durch das Loquarder Tief zu entkommen! Und zwar mit Schiffen, die weniger als 4 Fuß Tiefgang hatten, sog. Loogschiffen. Maare sind nur 15 Fuß breit und 4 Fuß tief. Bei Niedrigwasser natürlich weniger. Von Loquard aus gab es nur eine Maar zum Twixlumer Tief! Von dort aus konnte man ein größeres Schiff benutzen.
  • Loquard wird am 14.6.1400 von den Hamburgern (Hanse) zerstört. (Das Dorf liegt in der Tiefschleife und ist an 3 Seiten von Wasser umgeben. Innerhalb der Tiefschleife stand die Burg) Der Häuptling Sibrand, mit Tetta +1426, (Kenos Schwester – To. von Foelke und Ritter Ocko tom Brok) hatte dem Gödecke[3] Michels mit 200 Männern die Flucht nach Norwegen ermöglicht!
  • Man kann den Eroberungsweg der Hansen nachvollziehen, vermutlich an der Deichlinie entlang, denn dort gab es gut ausgebaute Straßen (zwei Wagen konnten aneinander vorbeifahren).
  • Vier Schiffe sollen nach Marienhafe entkommen sein. Marienhafe/Upgant[4] gehört Keno II, der gerade wieder Likedeeler an sich gezogen hatte, um sich gegen Hisko und seine Verbündeten verteidigen zu können. Keno II. ist im Angesicht der hansischen Bedrohung sicher nicht daran gelegen, die geflohenen Likedeeler zu beherbergen. Es ist also opportun, Spuren zu verwischen. Überdies sollen die – womöglich gekaperten – Schiffe nicht als Beweise in die Hände der Hanse fallen.
  • Es sollen diese 4 Schiffe in Upgant mit Hilfe Folkmar Allenas verbrannt worden sein. In diesem Fall hat Folkmar Allena sich auf einem der Fluchtschiffe befunden. In dieser brisanten Lage bietet sich für Folkmar Allena als einzige Möglichkeit an, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, Schulterschluss mit Keno zu üben. Da Folkmar Allena Likedeeler aufgenommen hat, kann er sich ausrechnen, dass er auf der Henkersliste der Hanse steht, denn die Hanse bedroht jeden friesischen Häuptling, der es wagen sollte, Likedeeler aufzunehmen, mit dem Tode. Die Hansen hatten den Häuptlingen ja schon 1396 empfohlen, die Gleichteiler aus dem Land zu jagen, Häfen und Burgen zu verschließen, die Anführer zu ergreifen und vom Leben zum Tode zu verholen und bei Zuwiderhandlung gedrohte, ‚mit Gottes Beistand‘ gegen die Missetäter und ihre Heger zu ziehen.
  • – 26. Mai 1400 Strafgericht der Hamburger und Lübecker Schiffshauptleute im Franziskaner-Kloster Faldern (Emden) über die mit den Likedeelern verbündeten Häuptlinge.
  • Am 12. Mai erscheinen Keno II. und Folkmar Allena Keno II. wird beschuldigt, sein Versprechen nicht gehalten und den Handelsleuten großen Schaden zugefügt zu haben. Keno tom Brok bestreitet diese Anschuldigungen, aber die Städte verlangen, dass er sein Schloss zu Aurich und Folkmar Allena seine Burg zu Osterhusen hergeben soll. Diese Forderungen gestehen die Häuptlinge nicht zu, sondern nehmen sich bis zum 15. Mai Bedenkzeit zur Klärung, denn ohne Einverständnis ihres Lehnherren, Albrecht Graf von Holland, können sie das nicht ohne weiteres tun.
  • Am selben Mai werden auch Versuche gemacht, Frieden zwischen Hisko und seiner Partei auf der einen und Keno und Folkmar Allena auf der anderen Seite zu vermitteln. In Selbstüberschätzung glaubt die Hansa, dem Seeräuberwesen damit den Boden entziehen zu können, übersehen dabei aber, dass weitaus stärkere Komponenten die politische Lage bestimmen, nämlich der Streit der Vetkoper und Schieringer, der Freiheitskampf der Friesen jenseits der Ems sowie Albrecht von Holland, der ‚Herr von Friesland’, der seine Macht festigen und die Friesen endlich unterwerfen will, dazu noch der Bischof von Utrecht, der seinen Anspruch auf die Drenthe durchsetzen will. Friedensversprechungen, selbst mit Brief und Siegel, helfen nicht, die Lage zu entflechten. Keno und Folkmar Allena sind beispielsweise durch einen Lehnvertrag an Herzog Albrecht von Bayern gebunden, der die Niederwerfung der Stadt Groningen verfolgt und drückend tangiert ist vom Bürgerkrieg der Hooks und Cods, die holl. Parteien der Bürger und Nobiles.
  • Wieder verlangt man die Übergabe Aurichs und Osterhusens. Keno und Folkmar Allena verlangen erneut Frist, die ihnen auch zugestanden wird.
  • Am 5.1400 lehnen die Häuptlinge ab!
  • Wieder Verhandlungen – eine volle Woche. Nun sollte ein Schiedsgericht von 4 Männern, die das alte frs. Recht wohl verstünden, eingesetzt werden. Die strittigen Punkte sollten am 25. Juli 1400 entschieden werden. Wenn den Schiedsrichtern kein Erfolg beschieden wäre und sie noch nicht alles ins Reine gebracht hätten, sollte später den Rat der Stadt Groningen hinzugezogen werden.
  • Das Resultat: ein Schiedsgericht von 4 Mann, welches das alte frs. Recht wohl verstünde, soll eingesetzt werden, die Probleme zu lösen. Das bedeutet also, dass die Häuptlinge sich dahingehend durchgesetzt haben, dass die Hanse sich nicht über altes friesisches Recht und Gesetz hinwegsetzt. Ein Teil der Piraten wurde kurzerhand geköpft, aber an die Häuptlinge als Landesherren wagen die Hansen sich doch nicht so rüde heran. Es besteht Rechtsunsicherheit bzw. sie haben kein Recht, die Häuptlinge und deren Untertanen abzuurteilen. Keno II selbst untersteht dem Herzog von Holland und mit Keno auch dessen Vasallen (die Aftervasallen).
  • Der Bericht der hansischen Schiffskommandanten Hennig von Rinteln und Albert Schreye sagt aus, dass 25 Seeräuber, ausschließlich friesischer Herkunft, am 21. Juni 1400 begnadigt wurden. Diese mussten bei allen Heiligen schwören, den Kaufmann weder zu Wasser noch zu Lande jemals wieder zu schädigen. Außerdem sollten sie bei der Verfolgung der übrigen Vitalienbrüder behilflich sein!
  • Die strittigen Punkte sollen am 25. Juli 1400 entschieden werden. Wenn dann das Schiedsgericht noch nicht alles ins Reine gebracht hätte, würde man später den Rat der Stadt Groningen hinzuziehen.
  • Keno tom Brok wird gezwungen, als Sicherheit die Burg zu Wittmund, Folkmar Allena die Burg Groothusen den Städten zu übergeben. Zumindest konnten Keno und Folkmar Aurich und Osterhusen retten. Osterhusen war ein sehr viel wichtigerer Handelsplatz als Emden zu jener Zeit.
  • Keno tom Brok und Ayelt, der Sohn von Folkmar Allenas Bruder Haro, werden als Geiseln nach Bremen überstellt, während
  • Hisko Abdenas Sohn Ihmel und Gerald Vyardissone (Sohn von Heiko von Faldern und Adda Wiardsna[5]) in gleicher Eigenschaft den Groningern überantwortet werden. Die Geiselnahme von Hiskos Sohn zeigt auf, dass den Hansischen Hiskos Machenschaften nicht verborgen geblieben sind.
  • Keno II. ist ungefähr ab 22.5.1400 Geisel der Hamburger
  • Ein weiterer Verhandlungspunkt ist das Anstreben einer Sühne zwischen Groningen und Keno tom Brok. Keno II und Folkmar Allena sind durch ihren Anschluss an Herzog Albrecht, dem sie zur Unterwerfung der Stadt behilflich sein sollen, mit Groningen in Feindschaft geraten. Auch hier sollen Schiedsrichter die Sache entscheiden. Diese Aufgabe ist ohne Auflösung des Lehnvertrages zwischen dem Grafen von Holland und Keno tom Brok bzw. Folkmar Allena kaum zu lösen.
  • Um sich aus der Geiselhaft zu befreien, benötigt Keno aber die Fürsprache eines mächtigen Herrn.
  • Die raffinierten Schachzüge des Grafen Albrecht von Holland sind beeindruckend!
  • Durch die Aktion der HANSE ist Herzog Albrecht die Streitmacht Kenos weggebrochen. Keno kann durch die Ausweisung der Likedeeler seine vertraglichen Aufgaben nicht mehr erfüllen, Albrecht steht aber nach wie vor in kriegerischen Auseinandersetzungen mit der Stadt Groningen.
  • Der Lehnvertrag wird aufgelöst. Warum? Das Lehnrecht duldet nicht, dass Keno zu eigenem Nutzen Piraten beschäftigt. Der Herzog müsste Keno strafen, würde ihn aber auch gern als Vasallen behalten.
  • Würde der ‚Herr von Friesland’ Rechte an dem Lehngut verkaufen, verlöre er alle Vorteile, die das Lehngut bietet. Wer verzichtet schon freiwillig auf Lehngut? Andererseits will er Keno und seine Streitmacht gern weiterhin für seine Zwecke nutzen, denn Keno (und mit ihm Focko Ukena) hat sich als guter Feldherr erwiesen.
  • Das Lehngut muß in der Familie des Herzogs verbleiben. Der Graf sucht also einen anderen Lehnherrn. Es muß geschickt geschehen. Was tun?
  • Die eigenen Söhne sind zu augenfällig und überdies ist sein Sohn Johann Bischof von Lüttich.
  • Wilhelm steht in feindlicher Opposition zum Vater und ist verheiratet mit Margareta von Burgund, das zu Frankreich steht.
  • Ludwig ist bereits 1375 verstorben, ebenso Albrecht an einer Turnierverletzung 1397.
  • Die 4 Töchter von Albrecht sind alle hervorragend verheiratet nach Österreich, Luxemburg, Burgund, Jülich.
  • König Wenzel von Böhmen, Gemahl seiner Tochter Johanna? Kommt nicht in Betracht.
  • Margarethas Gemahl Johann (Ohnefurcht) von Burgund, Sohn von Philipp dem Kühnen? Philipp der Kühne wird ohnehin zu mächtig und Philipp als Sohn des frz. Königs Johanns des Guten ist hautnah in den hundertjährigen Krieg von England und Frankreich verwickelt. Holland steht wegen der engl. Vorfahren und Verwandtschaft auf engl. Seite, dem also konträr.
  • Tochter Johanna Sophie ist verheiratet mit Herzog Albrecht IV. von Österreich – fällt aus.
  • Tochter Katharina (+10.Nov.1400) bietet sich an. Ideal, denn sie ist verheiratet mit Wilhelm III. (VIII), Markgraf von Jülich und Herzog von Geldern (1363-1402)! Geldern, das 1339 schon einmal von Albrechts Vater (Kaiser Ludwig d. Bayer) mit Ostfriesland belehnt war, ist engste Verwandtschaft. Somit bleibt das Lehngut in der Familie (Tochter des Grafen Albrecht). Überdies: der Herzog steht gegen Frankreich!

Wilhelm von Geldern (aus dem Geschlecht Jülich) war in ganz West- und Mitteleuropa ein berühmter und bekannter Kriegsherr, er hatte ganz allein (im Rahmen eines Erbstreits) dem mächtigen französischen Königreich und seinem Heer, das auf 60.000 bis 100.000 Mann geschätzt wurde, getrotzt. An dem Hunderjährigen Krieg zwischen Frankreich und England nahm er als Bundesgenosse des englischen Königs teil und folgte damit den Traditionen seines Hauses.

  • Ein neuer Lehnherr für Keno tom Brok ist gefunden! Die Piraten aber sind verloren, denn Keno tom Brok kann keine Likedeeler mehr anheuern, ohne sich die Hansa auf den Hals zu holen.
  • Anders sieht die Sache aus, wenn Albrecht selbst Piraten aufnimmt. Während Widzelt sich noch beim Herzog hatte entschuldigen müssen, weil er Piraten aufgenommen hatte, stellt nun Albrecht von Bayern höchstselbst Kaperbriefe für Likedeeler aus, nach dem Motto „wenn du deine Feinde nicht besiegen kannst, verbünde dich mit Ihnen“. Um seine Streitkräfte rasch aufzufüllen und Hamburg zu schädigen, bieten sich die entlassenen Piraten als Ausweg an.
  • Am 15. August 1400 erlässt Albrecht von Holland einen Schutzbrief für Johann Störtebeker, (vielleicht Störtebekers Sohn?), der den Schutzbrief möglicherweise für gutes Geld gekauft hat.
  • Herzog Albrecht ist nun der Hauptheger der Likedeeler. Er steht ohnehin mit den Hansischen, besonders Hamburg, auf Kriegsfuss, denn Albrecht will die Hansestadt Groningen endlich unterwerfen. Schon 1396 unternahmen er und sein Sohn Wilhelm einen Zug gegen Groningen, aber sie errangen keinen nachhaltigen Erfolg. Der Graf von Holland verfolgt seine Pläne nach wie vor. Herzog Albrecht hat sich die Unterwerfung der Friesen zum Ziel gesetzt.

So schließt sich Keno dem Herzog Wilhelm von Geldern an. (Geldern: Herzogtum am Niederrhein und Ijssel, grenzte an Friesland, Westfalen, Brabant, Holland und die Zuidersee. Es bestand im Wesentlichen aus den drei Niederquartieren Nimwegen, Arnheim und Zutphen und dem Oberquartier Roermond. Die heutige Provinz Gelderland in den Niederlanden deckt einen Großteil des ehemaligen Territoriums ab. Das Herzogtum ist nach der Stadt Geldern benannt, die heute in Deutschland liegt.)

  • Ein geschicktes Spiel, das es Keno ermöglichen soll, den Einfluss der Hanse zu unterlaufen und seine Pläne und die des Herzogs Albrecht dennoch mit Hilfe der Likedeeler zu verwirklichen, die nun unter dem Schutz des mächtigen Herzogs Albrecht von Bayern – Graf von Holland – stehen.
  • September 1400 wird die Lehnurkunde ausgestellt. Herzog Wilhelm von Geldern verpflichtet sich, wenn Keno Eroberungen an der Ostseite der Ems machen würde, insbesondere, wenn ihm Emden in die Hände fiele, so wolle er dort Keno oder einen seiner Anhänger als Amtmann einsetzen. – Eine augenfällige Bedrohung für Hisko Abdena. Das blieb Hisko nicht verborgen.
  • Anfang 1401 tätigt Hisko Abdena Kriegsvorbereitungen.
  • Der Rat Groningens war vetkoperisch gesinnt und mit dieser Partei sympathisieren die tom Brok, während Hisko und Folkmar Allena sich den Schieringern angeschlossen haben.
  • Im Febr. 1401 schreiben Hisko Abdena und Folkmar Allena dem Rat der Stadt Bremen und erklären, dass die Mannschaften, die sich in ihrem Gebiete zu Faldern versammeln, nicht die Kaufleute beschädigen sollen, sondern dass man sich gegen Holland und den Bischof Friedrich III. von Blankenheim von Utrecht (Bischof: 1393-09.10.1423) wenden wolle. Folkmar Allena hat also für Hisko Abdena Partei ergriffen. Da steckt Sprengstoff drin, denn Folkmar wechselt die Seiten wie sein Hemd.
  • Keno tom Brok macht sich im Gegenzug ebenfalls kriegsbereit. Geht er davon aus, dass Hisko und seine Bundesgenossen ihn angreifen, wenn sie sich stark genug fühlen? Keno II ist eingebunden von Seiten Holland und Geldern (Verwandtschaft des Grafen von Holland). Utrecht beansprucht die Drenthe, Holland Groningen.
  • Auch Keno und Enno Haytadisna (Circsena) von Norden – Kenos Bundesgenosse –rechtfertigen ihr Verhalten dem Bremer Rat gegenüber.
  • Am 25.5.1401 gelingt es dem Herzog von Geldern auf der Hanseversammlung zu Stade, durch einen Schiedsspruch ein Übereinkommen zwischen der Hanse und Keno herbeizuführen, die Schadensersatz verlangt. Dort erscheinen 2 Abgesandte des Herzogs, die Herren van Gheme und Johann van der Capellen, um einen Vertrag zwischen Keno und den Städten zu vereinbaren. Er kommt zustande
  • Keno II und Ayelt Allena werden freigelassen.
  • Keno II erobert Folkmars Schloss zu Osterhusen und zerstört die Burg zu Faldern. Nach Larrelt, das Keno ebenfalls erobert, kehrt Enno Haytadisna (Sohn von Haitet Beninga) zurück.
  • 1401: Hamburger haben Störtebeker bei Helgoland gefangen
  • Er und seine Gesellen werden auf dem Grasbrook in Hamburg enthauptet
  • Mit dem Ende von Störtebeker und Goedeke Michels 1400 und 1401 ist die Brüderschaft der Likedeeler noch nicht zerschlagen, dieses erfolgt erst 1435 mit der Zerstörung der Sibbetsburg (Wilhelmshaven, Stadtteil Sibbetsburg – Wallanlagen erhalten und begehbar).
  • Der Name ‚Störtebeker’ ist als Identifizierungshilfe dem Rufnamen (Clawes = Klaus) angefügt worden wie z. B. Körpermerkmale, Heimatorte oder Berufsbezeichnungen, die bis hin zu bestimmten Bodenmerkmalen als Namensbezeichnung verwendet wurden – in diesem Fall wohl eine Berufsbezeichnung oder ein Ulkname.

Merkwürdig auch, wenn 1380 nur der ‚Spitzname’ und nicht der Familienname ‚Sissinga’ in dem genannten Verfestungsbuch von Wismar auftaucht. Wie alt mag er da gewesen sein? Vielleicht 16 oder 20 Jahre alt? In etwa mit 12 Jahren traten die Kinder in die Lehre ein. Je nach Beruf dauerte diese Lehre 5 bis 9 Jahre. 1384 ist ein „Störtebeker“ schon als führender Pirat von den Engländern genannt.

Wie kann es zu dem Spitznamen gekommen sein?

Man fragt den Missetäter nach seinem Namen und bekommt den Vornamen genannt. Es ist Pflicht, einen Familiennamen aufzuschreiben. Viele Menschen führten in jener Zeit noch keinen Familiennamen, wenn auch die Franken schon Familiennamen zwecks Aushebungen befohlen hatten. Auf die Frage, was er beruflich tut, erhält man die Erklärung. Vielleicht ist er bei einem Gießer tätig und stürzt die Becher aus der Form? Man erfindet einen passenden Namen und so schreibt man ‚Stört de Beker’ dahinter oder ähnlich. So etwas passierte häufig bei Registrierungen, z. B. bei jenen Menschen, die nach Eroberungen erfasst wurden. Sogar noch im sog. „3. Reich“ bei den Deportationen, wo häufig auch Ulknamen erfunden wurden.

Die Bezeichnung ‚Jonker’, lässt den Rückschluss zu, einen Mann von Adel vor sich zu haben. Ein Junker ist Störtebeker wohl nicht gewesen, auch dann nicht, wenn er in der Lüb’schen Chronik von Rufus als hovetlud (Hauptmann) bezeichnet wird. Hiermit ist ein Mann gemeint, der eine führende Position über einen Haufen Leute innehat, nicht aber eine Herrscherfunktion wie dies bei den Häuptlingen der Fall gewesen ist.

Normalerweise übte der Adel keine handwerklichen Berufe aus. Das bedeutet, dass „Störtebeker“ wohl kaum das Handwerk eines Gießers ausgeübt haben würde, wäre er von Adel gewesen. Das Wappentier der in Betracht gezogenen ‚Sissinga‘ als Störtebekers ursprüngliche Familie ist eher ein Lindwurm als ein Greif, mag sich aber im Laufe der Jahrhunderte gewandelt haben. Der Greif ist legendenbiologisch verwandt mit dem Drachen und manchmal schwer von diesem zu unterscheiden. Dennoch könnte Störtebeker einem Bürgermeisterhaus von Groningen entstammen.

Der Name ‚Everardo Wicboldi‘ (1350 Bürgermeister von Groningen) ist in der Chronik „Monumenta Groningana“ (S. 663) erhalten,

1360 wird ein Meynoldus Wesseli als „Rector medie partis Ecclesie beate Marie“ (S. 666) genannt,

1370 Alberd Wicbolds (Bürgermeister von Groningen (S.684);

1372 werden Meynolde Wessels u. Herr Goedekine in dem Testament des Stadtknechtes und Schreibers Frederic Tutekin bedacht (S.691),

1378 ist ein Wycbolt Maurissinghe und Wicbolt, Evardes Sohn (beide Bürgermeister von Groningen) genannt.

Wie man sieht, haben einige Namen der Likedeeler offenbar ihren Ursprung in Groningen. Das stimmt damit überein, dass der Bericht der beiden hansischen Schiffshauptleute Hennig von Rinteln und Albert Schreye aussagt, dass 25 Seeräuber, ausschließlich friesischer Herkunft am 21. Juni 1400 begnadigt worden seien.

  • 1398 gaben Aylcko Verhildema (Onsta) und Reyner Eysinga den Hunsingo, Omeke Snelghersoen und Haye Wibben den Fivelgo und Tammo Gockinga und Menno Houwerda das Oldambt an den Grafen Albrecht von Holland zu Lehen, so wie Ritter Ocko tom Brok dies 1381 auch getan hatte. Um ihren Grundbesitz, ihre Alloden, dem Grafen von Holland als Lehen überstellen zu können, mussten die oben genannten (neuen) Vasallen freie (d.h. reichsunmittelbare) Grundherren gewesen sein. Voraussetzung, um Lehnsmann werden zu können, war es, reichsunmittelbaren Besitz zu haben und ritterlicher Herkunft zu sein. Die Beleihung erfolgte ursprünglich durch die Frankenkönige bzw. –Kaiser (s. de Grondslag van de Friese Vrijheid“ M.P. van Buijtenen (Academisch Proefschrift). Damit führten sie auch ein Siegel, nämlich den fränkischen Greifen.
  • Es heißt, dass Störtebeker eine Frau aus dem Klencke-Geschlecht von Drakenburg geheiratet habe (Anm.: ab 1302 zur Grafschaft Hoya gehörig) und deshalb den Greif als Wappen führte. Die Besitzer der Drakenburg (Drachenburg) werden mit Sicherheit heraldisch den Drachen geführt haben und nicht den Greifen.

In der Monumenta Groningana ist

  • 1386 Johanne Klinghen genannt, die 2 Grasen Land gekauft hat (S.723), gesiegelt von den Bürgermeistern von Groningen: u.a. Wycbolt Maurissinghe und Wicbolt, Evardes Sohn. Wicbolt, Evardes Sohn ist 1394 noch als Bürgermeister genannt (S. 739).
  • Möglicherweise hat Störtebeker also eine Frau aus Groningen geheiratet und nicht von der Drakenburg (Hoya).
  • Störtebekers Frau, wenn Störtebeker denn ein Sissinga gewesen wäre und diese Frau hätte heiraten dürfen, würde Sissinga genannt worden sein, es sei denn, Störtebeker hätte den Namen seiner Frau angenommen. Diese Namensänderung von angeheirateten Männern war durchaus üblich, wenn keine männlichen Erben vorhanden waren, d. h. die Ehefrau eine Erbtochter gewesen ist.
  • Eine Heirat von Störtebeker mit einer Klencke-Tochter (Anm. Klencke, d.h. Klinghe; Glockengießer wurden so genannt) ist wohl denkbar, wenn Störtebeker tatsächlich das Gießer-Handwerk erlernt haben sollte (s. Zünfte) und vielleicht aufgrund dessen zur Klencke-Familie gestoßen ist.
  • Man kann in Erwägung ziehen, ob Störtebeker aus der Gießerzunft stammte. Auch das legendär überlieferte Versprechen Störtebekers, eine neue Glocke (sie war 1386 beim Brand von St. Marien geborsten) und bronzene Tore für die Kirchhofmauer stiften zu wollen, lässt eine Verbindung zur Klencke-Familie zu, denn Glockengießer fertigten auch Kanonenrohre und Bronzetüren an. (Die bronzenen Tore waren noch vor der Verkleinerung des Doms vorhanden und sind auf einer Zeichnung aus dem 18. Jh. zu sehen. Ob Störtebeker noch ein Glocke hat stiften können und jene Glocke aus dem 15. Jahrhundert, die einen besonders schönen Ton gehabt haben soll, noch von Störtebeker (postum) gestiftet worden ist, kann nicht belegt werden. Es war eine Glocke, die durch ihre Größe und ihren Klang weithin berühmt war. 1594 war die leider schon gesprungen.)

Gunda von Dehn

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[1] Holland gehörte seit 1324 den Wittelsbachern durch die Heirat von Kaiser Ludwig d. Bayern (*1282 + 1347) und der Margarete von Holland *um 1293 +1356) Herzog Albrecht von Bayern war der Sohn von beiden.

[2] (So. von Edzard Circsena u. Doda tom Brok = nennt sich Beninga, weil er Gela von Manslagt geheiratet hat, die Erbtochter von Haitet Beninga)

[3] Der Name Gödecke stammt ab von Göttric = Gottfried / der Name taucht Anfg. d. 16. Jh. auch in der Glockengießerfam. Klinghe auf.

[4] „Up Kant“ Ein Wasserarm der Leybucht reichte an Marienhafe vorbei bis Osterupgant. Der Name Schott wird von „scheten“ (werfen) abgeleitet. Die Erde, die aus einem Graben auf die Kante als Wall geworfen worden ist. Es entstand ein deichartiger Rücken, der auf das Moor aufgefahren wurde und den Bewohnern als Wohnstätte bei Hochwasser diente.

[5] 1312 Richter: Liurd Andsna (Aldersna) zu Westerhusen, Habbo zu Hinte, Wiard, Drost zu Emden, Sibrand zu Visquard,

Folkert zu Twixlum – Diese Richter setzen die Willküren für das Amasgaland (Emsigerland) fest