Lehnwesen

Das Lehnwesen ist eine Gesellschaftsform mit erheblichen Abhängigkeitsverhältnissen zwischen den Partnern.

Der Begriff ‚vasallus‘ verbreitete sich im 9. Jh. Hier gibt es verschiedene Formen, Vasallen mit Benefizium (vassi casati) und ohne Benefizium (vassi non casati).

Daneben gab es die so genannten miles. Die Bezeichnung ‚miles‘ (gebräuchlich seit der 2. Hälfte des 9. Jh.) deutet an, dass die Institution einen militärischen Charakter besitzt.

Der Vasall (vassus) verpflichtet sich zu Gehorsam und hat bestimmte Dienste zu leisten (insbesondere Heeresfolge). Seit Karl dem Großen war der Vasallendienst hauptsächlich ein Waffendienst.

Der vassus dominici bekommt meistens politische oder gerichtliche Verwaltungsaufgaben übertragen. Jedoch war die Verleihung öffentlicher Ämter, der honores, im Gegensatz zum Benefizium widerrufbar.

Die Regierung ab Ocko tom Brok I bis hin zu Ocko tom Brok II. ist eine Mischform gewesen mit militärischem Charakter und der Übertragung eines öffentlichen Amtes durch den Lehnherrn, Herzog Albrecht von Bayern. In diesem Fall vermutlich das Amt des Kammerherrn (Kämmerer), denn es ist überliefert, dass zumindest Ocko II. dieses Amt inne hatte. Diese Form des Lehens geht aus dem überlieferten Siegel von Ocko tom Brok I. hervor. „DOMI OCKONIS MILITIS IN BROKES“.

Zur Erinnerung:
Ritter Ocko tom Brok hatte 1381 Herzog Albrecht von Bayern, Graf von Holland, seine Besitzungen als Lehen übertragen.

Als Ritter Ocko am 7.8.1389 ermordet wurde, trat Widzelt Kenisna die Nachfolge an. Auch dort ist der Lehnvertrag mit Albrecht von Holland abgeschlossen worden (s. Wiarda). 1398, als Albrecht von neuem die Friesen bekriegte, mussten Oster- und Westergo dem Herzog huldigen und nur der Nordosten behauptete seine Unabhängigkeit. Hier hatte vor allen Dingen Groningen die Friesen unterstützt, um sein altes Handelsgebiet sich zu wahren und nicht dem holländischen Kaufmann zu überliefern.

In diesen Kriegen leisteten Seeräuber gute Dienste, indem sie die Küsten des Gebietes von Herzog Albrecht verwüsteten. Auch Widzelt hatte den Piraten Aufnahme gewährt und zugelassen, dass sie den Feind seiner Landsleute belästigten. Dadurch wurden die guten Beziehungen, die vorher zwischen ihm und dem Herzog Albrecht von Bayern geherrscht hatten, belastet.

Widzelt musste sich dem Herzog Albrecht und der Hansa gegenüber bereit erklären, künftig keine Seeräuber mehr in seinen Landen zu dulden.

Dafür erhielt er Vergebung. 1398 waren Widzelt Kenisna und Folkmar Allena im Haag. Als Lehnherr versicherte der Herzog ihnen seinen Schutz für ihre Besitzungen und künftigen Eroberungen. Sie  verpflichteten sich ihrerseits, zu bewirken, dass Groningen dem Herzog huldigte, und er gestattete ihnen für diesen Fall, ihm Rat bei der Besetzung der dortigen Obrigkeit zu erteilen, d.h., sie erhielten ein Berateramt.

Im April 1399 geriet Widzelt Kenisna mit dem Abt Fokko (Ukena) von Thedingen in einen Streit, zwar eroberte Widzelt Kenisna das Kloster, aber kurz darauf wurde er von seinem Feind bei Detern besiegt und getötet.

Nach Widzelt Kenisnas Tod (1399) trat Keno II. in die Regierung ein. Auch das Siegel von Keno II., Ritter Ockos Sohn, dokumentiert diese Lehnform. Keno verstarb 1418 nach der Schlacht von Oxwerderzyl.

Danach trat Ocko II. unter Vormundschaft seiner Großmutter Foelke (im Volksmund die ‚Quade Foelke‘ genannt) die Regierung an. Es folgte eine weiterer Lehnvertrag mit Albrecht von Bayern.

Am 4. September 1400 wurde Keno II. Lehnmann des Herzogs Wilhelm von Geldern. Hier verpflichtete sich der Herzog außerdem, wenn Keno II. Eroberungen an der Ostseite der Ems machen würde, insbesondere, wenn ihm Emden in die Hände fiele, so wolle er dort Keno oder einen seiner Anhänger als Amtmann einsetzen.

Die Kommendation, die Leistung des Treueides, besiegelt den Akt der Vasallität und stellt die Bindung zwischen zwei Freien her, nämlich dem Herrn und dem Vasallen. Diese so genannte Kommendation ist der Vorgang, wodurch sich ein freier Mann unter das ‚mundium‘ (‚Munt‘) eines Herrn stellt. Die Kommendation war ein ‚intuit personae‘, d.h. ein Personen gebundener Vertrag, der auch mündlich geschlossen werden konnte.

Der Herr verpflichtet sich zu Schutz und Unterhalt, das heißt, der Vasall erhält oft ein Lehen.
Durch den Tod eines Beteiligten wird der Lehnvertrag nichtig, d.h. die (dingliche) Verleihung des Benefiziums verfällt. Dies bezeichnet man als ‚Mannfall‘ – Tod des Vasallen oder ‚Herrfall‘ – Tod des Herrn.

Darum mussten Widzelt Kenisna, Keno II. und Ocko II. jeweils neue Verträge abschließen (Erblehen).

Der Vasall kann nur einem Herrn dienen, Mehrfachbindungen des Vasallen zu anderen Herren sind nicht möglich. Neben dem übertragenen Lehen kann der Vasall aber eigenen Grundbesitz, das so genannte Allod haben oder auch kirchliche Güter in Prekarie.

Durch die Lehenvergabe entstand eine Hierarchie hinsichtlich der Grundbesitzrechte und der Abhängigkeitsverhältnisse. Da der Belehnte sein Lehen aufspalten und als Afterlehen vergeben konnte, entstand später eine verwickelte Teilung der Eigentumsrechte und der öffentlichen Gewalt. Der Beliehene übt eine unmittelbare, direkte Herrschaft über das an ihn geliehene Land aus.
(Quelle ‚Formulae Turonensis‘ aus dem 8.(?) Jh.

Treueeid
Den Inhalt des Treueides bezeichnet man als ‚fidelitas‘ oder ‚fides‘. Bei dem Treueeid wird ein Gebet gesprochen und gleichzeitig eine Reliquie (ein heiliger Gegenstand) berührt. Der folgende, ausdrückliche Eid intensiviert deutlich die Bindung, weil ein Meineid eine schwere Sünde, ja eine Todsünde ist. Überdies bekundet der Eid den Status der Freiheit bzw. zeigt den Unterschied zu Unfreien auf. Dieser Lehneid ist ab 757 nachweisbar: Tassilo III. (Bayernkönig) wird Vasall Pippins III..

Es gibt drei unterschiedliche Zweige der Leihe:
Das Lehen, welches von ‚Liten‘, d.h. Halbfreien oder Unfreien, bewirtschaftet wurde, wurde oft auf Lebenszeit vergeben und konnte auch erblich sein. Diese Form des Lehens beinhaltete neben der Heeresfolge erhebliche Abgaben und Arbeitsleistungen.

Das Benefizium ist ein vorteilhaftes Lehen, das keine Arbeitsleistung forderte und mit geringen bzw. keinen Abgaben verbunden war. Nur Vasallen konnten Benefizien erlangen; daneben gab es auch Vasallen ohne Benefizien.

Das kirchliche Benefizium beinhaltet ein Recht auf Erhebung von kirchlichen Abgaben häufig in Verbindung mit einem Benefizium). Es ist an ein Kirchenamt gebunden (z.B. die Verleihung der Abtwürde eines Klosters. Es handelt sich dabei häufig um eine an Domänenangestellte (oder Verwandte, die versorgt werden sollen) vergebene Leihe.
Für ein Benefizium ist der Eintritt in die Vasallität unabdingbar. Die Einkünfte aus dem Benefizium mussten u. a. in den zu leistenden Vasallendienst einfließen.

Benefizium mit Prekarievertrag
Hierbei überträgt der augenblickliche Nutznießer seine Rechte auf künftigen Nutznießer, den Prekaristen. Hierfür waren zwei Urkunden notwendig. Ohne Einwilligung der Eigentümer war das selbstverständlich nicht möglich, es musste also Zustimmung erfolgen. Vergeben wurden die Benefizien mit Prekarievertrag überwiegend von Kirche oder mächtigen weltlichen Grundherren.

Die Klostergründung von Dykhusen (Gemeinde Visquard) wurde ebenfalls mit einem Benefizium ausgestattet. Hier handelt es sich vermutlich um ein Benefizium mit Prekarievertrag:

Am Lucientag, dem 13. Dezember 1377, wurde der Vertrag besiegelt, der den Grund und Boden zum Bau eines neuen Dominikaner-Klosters in Dykhusen freigab.
Eigentümer des Grundstücks war Kaplan Herr Luippe der dortigen St. Margareten-Kapelle. Ihm wurde die Aufsicht über das neue Nonnenkloster übertragen. Das bedeutete gleichzeitig, dass der Kaplan Luippe den Klosterstiftern jährlich Rechenschaft über Einnahmen und Ausgaben ablegen musste.

Die Häuptlinge Ocko tom Brook und Folkmar Allena nahmen das Kloster in ihren Schutz und schworen an heiligem Altar, es mit der Schärfe des Schwertes gegen alle auswärtigen Feinde zu verteidigen.

Für seinen Grund und Boden, erhielt der Kaplan Luippe etliche Lehen zugesprochen, auf die er ein Leben lang Renten bekommen sollte. Hierfür übernahmen Kampos Bruder Luiward von Westerhusen und Foelke Kampana die Bürgschaft.

Wiarda schreibt dazu folgendes:
Ritter Ocko I. stiftete mit den Häuptlingen von Faldern und Osterhusen das Kloster Dykhusen zu Ehren der Heiligen Margaretha und besetzte es mit Augustiner-Nonnen aus dem Kloster Osterreide. (Anm.: Diese konvertierten zu den Dominikanern.)
1. Äbtissin war Hebe, ein Fräulein von Hinte, und Schwester von Ockos Gemahlin Foelke. Dann nahm Ocko das Kloster Ihlow und das davon abhängige Kloster Meerhusen in seinen Schutz und schwur vor dem Altar des Ihlower Klosters, dass er dasselbe künftig gegen alle auswärtigen Feinde verteidigen wolle. Die Eidesformel legte er auf dem Altar des Klosters nieder.

Wo und wanner dat cloester to Dickhuisen und van weme idt gestifftes sy

<über der Seite steht die Jahreszahl 1378. Dieser Abschnitt steht im Emder Jahrbuch schon früher auf Seite 146, über die Beninga die Jahreszahl 1377 schrieb>

Nach der geboert Christi 1378 <Emd.: „Anno Christi 1377 tor tyt Innocentij 6. des pawestes und Caroli 4. des Keysers“> hebben itliche oevetlinge in Oistfriedlandt, noemptlich Ocko tom Broeke (Emd.: „ridder Ocko tom Broke“), Folckmer Allena to Oisterhuisen und Haro Ailtz to Grote Valderen, hoevetlinge, gordineert und gestichtiget da cloester to Dickhuisen by Viswart in Emslandt gele-gen, und ock lande darto gegeven. Und hebben dar susteren van Reide ingesettet. Und is gescheen mit breve und zegell de susteren begavet, dat se das cloester Dickhusen under ere bescharming an-nemen. Dat also by *pawst Innocentij 6. und Keyser **Venselai, Caroli 4. Soen, tiden up Lucien dach gescheen is.

<*Wenn die Klostergründung wirklich in das Jahr 1378 gesetzt werden muss, so ist diese Angabe unrichtig, denn Innozenz VI war Papst 1352-1362. Im Jahre 1378 waren Päpste Gregor XI 1370 bis 1378 und die beiden Schismatiker Urban VI (in Rom) 1378-1389 und Clemens VI (Avignon) 1378 bis 1394> Innozenz VII. 1404-1406

<**Wenzel von Böhmen*, der Luxemburger, regierte 1378 –20.08.1400 (abgesetzt); ältester Sohn von Kaiser Carl IV (gestorben 29.11.1378 im Alter von 62 Jahren) wie im Emder Jahrbuch geschrieben. worden sein. Es wird dann wohl im Jahr 1377 in Angriff genommen und 1378 fertiggestellt sein, wenn man davon ausgeht, dass Carl IV. noch regierte Danach spitzte sich der Erbschaftsstreit zwischen Ocko tom Brok und Folkmar Allena zu, denn 1379 kommt es zur Schlacht bei Loppersum zwischen den beiden Kontrahenten >
*nach Wenzel war Ruprecht III. dt. König

Die Merowinger trennten noch Vasallität und Benefizium. Zu jener Zeit war der Vasall, der den Lehneid ablegte, ein freier Mann von niederem sozialem Rang.

Unter den Karolingern wurde das Lehnrecht aus machtpolitischen Gründen umgestaltet. Karlemann reformierte die kirchliche Prekarie.

(ca. 716-768) Der König benötigt für seine Feldzüge mehr Kriegsleute, also mehr Vasallen. Dieses Kriegsvolk aber muss unterhalten werden. Um diese Unterhaltung sicherzustellen, benötigen die Vasallen höhere Einkünfte. Woher kann der König diese Güter bekommen? In Vorzeiten hatte die Kirche immense Kirchengüter übertragen bekommen. Der König konfisziert nun Kirchengüter. Dadurch wird die Kirche ärmer und der ‚Sittenverfall‘ nimmt zu. Um diesen Missstand zu beseitigen, finden drei Konzile (743/744) statt. Der Beschluss, dass die säkularisierten Kirchengüter von Rechts wegen an die Kirche zurückfallen sollen, kann nur teilweise erfüllt werden, weil vieles schon anderweitig vergeben ist. Diese Schwierigkeit wird dadurch beseitigt, dass der Nachfolger (nach dem Tod des Vasallen) das Benefizium als Prekarie von der Kirche erhält, im Sinne von ‚precariae verbo regis‘ (Vergabe auf königlichen Befehl); dies im Gegensatz zur Vergabe anderer Kirchengüter. Weil aber die Zahl der Vasallen stetig ansteigt und diese oft mit Benefizien auf Lebenszeit ausgestattet sind, muss die Kirche entschädigt werden. Darum führt Pippin III. (741-751) den Kirchenzehnten ein.

Bei unmittelbaren Lehen aus den Gütern des Hausmeiers und der Vasallen des Königs entfällt die Verpflichtung, das Lehen gleichzeitig in Prekarie zu nehmen. Durch die Vergabe großer Benefizien werden jetzt auch Angehörige aus Adel und Oberschicht zu Vasallen. Die Vasallen dürfen ihrerseits ebenfalls Lehen vergeben. Da sie wegen der Heerespflicht ihre militärische Stärke erhöhen müssen, sind sie nicht zuletzt selbst darauf angewiesen, eigene Vasallen zu haben. Es gab nur wenige Herrscher, die reich genug an Alloden (Eigengut) waren, um eigenständig bleiben zu können.

Hier ist z.B. Ostfriesland zu nennen, das, um eine gewisse Eigenständigkeit zu erhalten, lange in Kämpfe verwickelt war. Folkmar Allena war solch ein mächtiger Mann und in ganz Friesland sang man sein Loblied. Erst sehr spät – anno 1398 – wurde er Vasall des Herzogs von Bayern.

„…Folckmer Allena dat ys aslo eyn man
Eyn man ock also rike,
Het reet yn hoege moede
vor Karels hoge borge….“

Der Königsvasall leistet seinen Lehneid direkt in die Hände des Königs, wodurch sich der König einen treuen Anhang reichsunmittelbarer Vasallen schafft, die zur Heeresfolge verpflichtet sind. Diese Art Abhängigkeit zu schaffen, ist vor allem in neu eroberten Gebieten (u. a. Italien, Friesland, Sachsen, Bayern) zu beobachten. Besonders die Vertreter der Staatsgewalt (Grafen, Markgrafen, Herzöge) mussten den Treueid als Vasall leisten. Dadurch entstand die doppelte Treuepflicht, als Vasall und als Staatsbeamter.

Die einseitige Lösung des Vasallenverhältnisses ist nicht möglich. Ausnahmen sind:
– Vernachlässigung der Schutzpflicht des Herrn
– Angriff auf Leib und Leben
– Einziehung eines Eigenguts (Allod) des Vasallen
– Schändung/Verführung der Frau oder Tochter des Vasallen
– Dienstverweigerung. Die Verleihung wurde aufgehoben und die Güter eingezogen.

Letzteres ist besonders gut nachzuvollziehen bei dem Welfen Heinrich dem Löwen, Herzog von Sachsen ( 1139 – 1195), dessen Lehen eingezogen wurden, als er Friedrich Barbarossa die Heeresfolge verweigerte.

Gunda v. Dehn