Die Pest

Zur Regierungszeit des römischen Kaisers Justinian (527 – 565) drang die erste große Pestwelle im Oktober 541, von Äthiopien oder Arabien ausgehend, über den Schiffsverkehr ins Mittelmeergebiet vor und reduzierte die Bevölkerung dort um ungefähr 40%. Viele kleinere Pestzüge folgten, bis von 740-750 die 2. große Pestwelle für Schrecken und Angst sorgte. Der 3. große Pestausbruch 1346-1352 übertraf alle früheren Pestepidemien. Die Krankheit blieb nämlich nicht wie bisher hauptsächlich auf das Mittelmeergebiet beschränkt. Um 1346 lebten in Europa, in Nordafrika und in den angrenzenden Regionen des Nahen Ostens ungefähr 100 Millionen Menschen. Ein Drittel von ihnen überlebte die Pest nicht. Der Krankheitsherd befand sich diesmal in Zentralasien. Durch Händler gelangten die tödlichen Bakterien über verseuchte Murmeltierpelze, die mit Pestflöhen verseucht waren, über die Seidenstraße und den Norden des Kaspischen Meers nach Astrachan. Von dort ging es weiter über Kaffa, einer Genueser Handelsniederlassung am Schwarzen Meer, nach Pera, dem Vorort von Konstantinopel, wo schon große Handelsschiffe auf die tödliche Fracht warteten. Im Sommer 1347 forderte die Pest ihre ersten Todesopfer in Konstantinopel, auf den griechischen Inseln, an den Küsten Anatoliens und des Balkans. Ende September 1347 brach die Pest in Messina, im Oktober 1347 in ganz Sizilien und an Allerheiligen 1347 in Marseille und Ende 1347 in Alexandria, Kairo, Gaza, Beirut, Damaskus und Marokko aus. Anfang 1348 wurden Tunis, Sardinien, Spanien, Süd- und Westeuropa, im Juli 1348 zunächst nur Trient, dann Kärnten und das Inntal und im August 1348 die Britischen Inseln mit den tödlichen Bakterien konfrontiert. Gegen Ende 1348 wurden die lothringischen Städte, 1349 Norddeutschland und Dänemark, 1351 Polen und 1352 Russland heimgesucht. Nur wenige Gebiete blieben von der Seuche verschont wie z.B. das südliche Oberschlesien, das westliche Böhmen, die Niederlande, die nördlichen Bereiche Skandinaviens und die Stadt Mailand. In Deutschland wütete die Pest von 1349-1351. 1351 schrieben die Ratsschreiber von Lübeck 6966 Namen in das Totenbuch. Ungefähr 35 % der Lübecker Einwohner fanden innerhalb eines Jahres ihren Tod. In Paris mit seinen 100 000 Einwohnern starb die Hälfte der Stadtbevölkerung, Florenz verlor fast vier Fünftel seiner Einwohner. 1356 brach in Deutschland erneut die Pest aus und verbreitete sich wieder rasch über Europa. Diese „Kinderpest“, wie sie von den Historikern genannt wird, forderte besonders viele Opfer unter Kindern und Jugendlichen, die im Gegensatz zu den Erwachsenen, die die Pestepidemie von 1349 – 1351 überlebt hatten, gegenüber dem Krankheitserreger nicht immun waren.

Die Pest erschien mit schrecklicher Regelmäßigkeit immer wieder in Europa. Von 1326 – 1400 gab es insgesamt 32, von 1400-1500  41, von 1500-1600 30 Pestjahre! Besonders schwere Pestepidemien wüteten in Europa in den Jahren 1563-1569, während des Dreißigjährigen Krieges von 1629-1644, in London im Jahre 1665, in Wien von 1678-1681, in Marseille und in der Provence von 1720- 1722. Der letzte große Pestausbruch fand in Indien statt und forderte in Bombay 1898 sechs Millionen Menschenleben! In Europa flackerte die Seuche zum letzten Mal im Jahre 1902 in Südengland und Marseille auf. Heute lebt der Pestbazillus noch endemisch und unauffällig in Nordindien, Kurdistan, Westarabien, in der Gobi-Wüste, in Uganda, in Südafrika, in Südamerika, in Ostasien und im Südwesten der USA. Im September 1994 brach die Pest jedoch erneut in Indien aus.

Gunda von Dehn