Die tom Brook

Keno, der älteste bekannte Vorfahr der ‘tom Brok’, wie das Geschlecht sich nannte, gehörte zu den alljährlich gewählten Consules des Norderlandes. Er besaß um 1200 n. Chr. u. a. eine Burg in Norden und einen Gerichtshof bei Engerhafe, der dem Besitzer das Recht zur Ausübung des Richteramtes gab.

Keno, der Ahnherr des Hauses tom Brook, hatte zwei Söhne: Hilmer und Keno. Den Gerichtshof in Engerhafe vererbte Keno seinem Sohn Hilmer. Der Sohn des Hilmer und Enkel des Keno wurde von den Brookmerländern zum Häuptling gewählt. (Die Bezeichnung ‘Häuptling’ ist gleichbedeutend mit der Titulierung ‘Consul’).

Keno Hilmerisna nannte sich erstmals ‘tom Brok’. Dieser Keno hatte (mind.) 4 Kinder, die Töchter Doda und Elbrig sowie die beiden Söhne Ihmel und Ocko. Ihmel, als dem Jüngeren, standen Burg und Richteramt zu. Ocko ging nach Neapel in den Dienst der Königin Johanna von Anjou. Die Tochter Doda heiratete den Häuptling Edzard Circsena von Greetsiel, Tochter Elbrig ehelichte den Häuptling Haro von Faldern.

Keno oblag von da an nicht nur die politische Führung und das Führen der ‘Flut’, der Streitmacht, sondern auch die Gerichtsbarkeit im Brookmerland. Kenos Sohn und Erbe, Ihmel, verunglückte 1372 tödlich, einige Jahre bevor sein Vater verstarb, so dass Ihmels Tochter Adda Anspruch auf das halbe Erbe erheben konnte.

Um ihren Bruder Ocko, der nun in das Erbe eintreten musste, nach Brookmerland zurückzuholen, reisten Ockos Schwestern Doda und Elbrig nach Neapel. Die Königin Johanna von Neapel empfing die Schwestern, höchst beeindruckt von dem Goldschmuck der beiden Häuptlingsfrauen. Doda und Elbrig trugen nun ihren Wunsch vor und erklärten, er habe sich ‚verstricket‘. Nach uraltem, juristischem Sinngehalt bedeutet dies, dass er in einen Erbstreit verwickelt gewesen ist. Aufgrund dessen musste die Königin ihn ziehen lassen.
Das tat die Königin ungern, denn in dieser, für das Königreich Neapel bedrohlichen Zeit, war Ocko tom Brok der Königin unentbehrlich. Johannas Herrschaftsbereich war heiß begehrt von anderen mächtigen Fürsten. Bevor die Königin Ocko tom Brok entließ, ließ sie ihn zum Dank für seine treuen Dienste in den Ritterstand erheben.

Aus dem Erbstreit zwischen Ocko tom Brok und Adda Folkmarsna, der Tochter seines Bruders Ihmel, entwickelte sich 1379 die Schlacht bei Loppersum. Ritter Ocko tom Brok zerschlug die geballte Kraft der übrigen Häuptlinge und setzte damit den Grundstein für die überwältigende Macht seiner Familie in späteren Generationen.

Ritter Ocko wurde 1381 Lehnmann von Herzog Albrecht von Bayern, seinerzeit Graf von Holland, Hennegau, Herr von Friesland. Schon bald danach (1389 oder 1391) wurde Ritter Ockos Burg in Aurich von Folkmar Allena, Feldherr von Groningen, belagert. Um Verhandlungen zu führen, verließ Ocko die Burg und wurde vor den Mauern seiner Burg  am 07. August 1391 (oder 1389) von unbekannter Hand ermordet.

Die Burgstelle in Aurich ist auch heute noch deutlich erkennbar. Sie liegt an der Fußgängerzone bei der Lamberti-Kirche gegenüber dem Piquerhof.

Seinem noch unmündigen Sohn Keno II. hinterließ er eine ungefestigte Herrschaft. – Nun übernahm Widzelt Kenisna, die Führung der Staatsgeschäfte zusammen mit Foelke, Ockos Witwe. – Foelke ist als ‘Quade Foelke’ (d. h. ‘boshaft’) in die Geschichte eingegangen. Ob Foelke bösartiger gewesen ist als andere Frauen? Wir wissen, dass sie eine gottesfürchtige Frau gewesen ist, die Kirchen und Klöster reich beschenkte und auch Wallfahrten unternahm. Wenn behauptet wird, sie habe ihre beiden Neffen verhungern lassen, so ist das gewiß nur Verleumdung. Die Hinrichtung ihres Schwiegersohnes Lütet Attena und dessen Vater Hero Attena, die gemeinsam Foelkes Tochter Ocka erschlagen haben sollen, entsprach dem damaligen Zeitgeist und geschah vermutlich im Zusammenhang mit den Seeräubern, die – entgegen den Auflagen der Hanse – auf der Burg Dornum Unterschlupf gefunden hatten.

Widzelt Kenisna führte in der nachfolgenden Zeit eine Reihe von Kriegen. Er erstickte im April 1399 in der Kirche zu Detern, die von seinen Feinden in Brand gesetzt worden war.

Die Likedeeler, berühmt-berüchtigte Seeräuber, nisteten sich 1396 in Marienhafe und  anderen friesischen Seehäfen ein. Sie nannten sich Likedeeler, d. h. „Gleichteiler“, weil die Beute zu gleichen Teilen aufgeteilt wurde.  Nicht nur Keno II., auch viele andere mächtige Häuptlinge hegten und nutzten die Seeräuber für ihre Zwecke.
Das wollte die Hanse nicht dulden, die zwar billig einkaufte bei den Piraten, aber vom englischen König zu Schadenersatz verklagt worden war. Am 5. Mai 1400 kam es zu einer blutigen Auseinandersetzung der Hansen mit den Piraten in der Osterems. Die Hansen töteten 80 Likedeeler, 25 Seeräuber wurden umgehend in Emden hingerichtet.

Die Hansen zwangen Keno II., seine Seeräuber zu entlassen. Keno II. selbst führten sie als Geisel nach Bremen und nötigten ihn, gegen die Seeräuber und die sie beschützenden Häuptlinge einzuschreiten. So auch gegen Probst Hisko Abdena von Emden. 1413 gelang es Keno, Emden zu erobern und Hisko Abdena zu vertreiben. Dieser flüchtete nach Groningen. Die durch den Fall Emdens in Groningen ausgelöste Revolution zwang Keno II. in weitere Kriegshandlungen. Seinen letzten, entscheidenden Sieg errang Keno 1416 in der Schlacht bei Oxwerderzyl (in der Nähe von Nordhoorn).

Als Keno II. 1417 an den Folgen einer Kriegsverletzung starb, folgte ihm sein Sohn Ocko II. in der Häuptlingswürde. Die Streitigkeiten jenseits der Ems konnten selbst durch kaiserliche Gesandte nicht zum Abschluss gebracht werden. Zwar erkannten Oster- und Westergo deren Autorität an, nicht jedoch Ocko II. und dessen Freund und Lehnmann Focko Ukena. Daraufhin sah sich Kaiser Sigismund veranlasst, die Übeltäter mit dem Bann zu belegen. Dies geschah – wie es in der Achterklärung heißt – weil Ocko ten Brok und seine Helfershelfer nicht nur seinen Befehlen getrotzt hatten, sondern auch jene, die dem Kaiser Gehorsam versprochen hätten, mit Krieg arg bedrängten. – Die Geächteten waren damit quasi verurteilt, zu siegen, denn eine Niederlage hätte den Verlust von Ehre, Macht, Ansehen und Besitzungen bedeutet. Und tatsächlich blieben sie Sieger auf dem Schlachtfeld.

Es gelang Ocko II. durch geschickte Kriegführung, seinen Machtbereich auszudehnen. Das war die Zeit der größten Machtentfaltung der tom Brok in Ostfriesland: Im Westen die Lauwers – im Osten die Weser! Das war der Raum, den der letzte Friesenkönig Radbod beherrscht hatte. Hier nahm Ocko II. die gebietende Stellung ein.

Es kam zum Bruch zwischen Ocko tom Brok und Focko Ukena! Der Mann, der am meisten Anteil an der Machtentfaltung des Hauses ‘tom Brok’ hatte, wandte sich nun gegen Ocko. Das sogenannte ‘Bündnis der Freiheit’ unter Focko Ukenas Führung brachte die letzte Auseinandersetzung. Im Jahre 1427 in der Schlacht auf den ‘Wilden Äckern’ bei Upgant wurde Ocko II. vernichtend geschlagen. Focko Ukena nahm Ocko tom Brok gefangen, die ‘Oll Börg’ wurde geschleift.

Keno und Ocko tom Brok hatten die Hansestädte nicht enttäuscht. Sie hatten dem Seeraub an ihrer Küste Einhalt geboten. Andere Zeiten folgten mit Fokko Ukena. Dieser galt schlechterdings als Hauptmann der Seeräuber.

Ocko tom Brok II. befand sich immer noch in Ukena’scher Gefangenschaft, als Kaiser Sigismund ihn am 26. Juli 1431 in den Freiherrenstand erhebt und ihn für Teile Frieslands zum „capitaneum generalem“ (Oberhäuptling) ernennt. Gleichzeitig fordert der Kaiser Ockos Untertanen auf, Ocko tom Brok zu gehorchen und beizustehen.

Erst ein weiterer „Bund der Freiheit“ der ostfriesischen Häuptlinge unter der Führung von Enno Circsena von Greetsiel gegen Focko Ukena brachte Ocko tom Brok 1431 die Freiheit zurück. Focko Ukena floh aus seiner belagerten Burg in Leer nach Appingedam zu seiner 2. Ehefrau.

1435 starb Ocko II. tom Brok anscheinend ohne legitime Nachkommen. Damit erlosch die  Linie der tom Brok diesseits der Ems im Mannesstamm.

Gunda von Dehn


letzte Änderung 26. Juni 2016